Günther Würdemann

Der frostige S-Laute-Förster

Jedes Jahr, wenn die kalte und frostige Jahreszeit anbricht, mu__ der Förster für die Fütterung der wilden Tiere Sorge tragen, damit sie nicht verhungern. Heute Morgen war er mal wieder stinksauer. Er hatte die ganze Nacht im Wirtshaus gese__en und sich bei Bier und Schnap__ innerlich gut aufgewärmt. Und anschlie__end mu__te er auch noch durch den meterhohen Schnee Richtung Heimat stiefeln. Zum Donnerwetter noch einmal. Konnten sich denn diese Viecher nicht mal selbst versorgen? Immer diese beschwerliche Arbeit. Blo__ um so´n paar dürre Typen über den Winter zu bringen. Und damit die Jäger im Frühjahr etwas zu jagen hatten. Schlie__lich war er als Förster auch nicht mehr der Jüngste. So fluchte er vor sich hin, als er sich mit dem alten fast verrosteten Schlitten auf den langen Weg machte. Er hatte es nicht weit bis zum Wald. Wenn er nüchtern war, ungefähr 5 Kilometer. Als er mit schwerem Schritt so ein Bein vor das andere setzte, dachte er wehmütig an seine Frau, seine acht Kinder und seine 16 Urenkel, die nun schon seit einigen Stunden in ihren warmen Betten vor sich hin schnarchten, während er sich durch die ei__-kalte Nacht zu den leer gefre__enen Futterkrippen schleppte. Ach, wie er sie beneidete. Er hatte ausgiebig mit einigen Bauern des Dorfes diskutiert und war erst aufgebrochen, als sein letzter Gesprächspartner langsam vom Barhocker in Richtung Fu__boden rutschte und ihm damit wohl andeuten wollte, da__ er da__ Gespräch für beendet hielt. Ein Blick auf die Armbanduhr (Zeitme__er) überzeugte ihn schlie__lich davon, da__ bald der Morgen grauen würde. Also stellte er mit dem Kompa__ die Richtung fest ( ein Ma__band hatte er auch dabei, aber es erwie__ sich für diesen Zweck als untauglich!) und stapfte lo__. Immer geradeaus. Wenn ihn blo__ die Tiere des Waldes nicht in diesem Zustand sehen würden...
Am frühen Morgen nun erreichte er seine heimischen Gefilde und begab sich schnurstrack__ zu dem von seinem Hau__ etwas abseit__ gelegenen Schuppen, spannte die beiden schon sehr gebrechlichen Gäule an und fuhr mit seinem altersschwachen Schlitten zu den Futterkrippen. Die beiden Pferde kannten den Weg und trabten immer munter geradeau__. Er selbst sa__ dick vermummt und fast regungslo__ auf dem Kutschbock, denn es war drau__en bitterkalt. Es fror ihn und sein Kopf hatte Schwierigkeiten, seine
Gedanken richtig zu sortieren.Während die Gäule langsam vor sich hin trabten, hatte er viel Zeit zum Nachdenken und Erinnern. Wie schön war es doch damal__ gewesen, als er als Knabe mit krau__em lockigem Haar im mit Schilf gedeckten Hau__ seiner Gro__eltern häufiger zu Besuch gewesen war. Dann sa__en alle Kinder in dicke wollene Decken eingehüllt um den wärmenden Kohleherd herum und lauschten mit offenen Mündern und Ohren den Geschichten der Gro__mutter. Keine konnte so gut und einfühlsam Märchen aus vergangenen Zeiten erzählen. Besonder__ gefiel ihm die Geschichte von Rotkäppchen. Er hatte sich oft in die Rolle dieses kleinen Mädchens hineinzuversetzen versucht, jedoch die einzige Ähnlichkeit mit dieser Märchenfigur, die er im Laufe seines Lebens geschafft hatte, war seine rote Nase (vom übermä__igen Durst auf Alkohol). Manchmal gefiel er sich auch in der Rolle des Wolfs. Aber er hätte dem Rotkäppchen doch niemal__ etwas zuleide getan. Und die Gro__mutter hätte er auch nicht gefre__en, die wäre ihm viel zu zäh gewesen. Und dazu noch mit Haut und Haaren und der ganzen Kleidung? Wolle, Baumwolle oder Kunststoff? Ohne Gewürze schmeckte da__ bestimmt nicht besonder__ gut. Wahrscheinlich hätte den heutigen Wölfen solch eine Kleidung auch nicht mehr so gut gemundet wie dem Wolf im Märchen. Übrigen__ Wölfe? Die gab es doch bereit__ wieder in dieser Gegend. Neulich hatte er bei einem befreundeten Jäger ein Video gesehen, auf dem nahe seiner Behausung ein Rudel Wölfe auf einem Acker gesichtet worden war. Wenn er daran dachte, da__ er solch einem Rudel Wölfen plötzlich in seinem Forstgarten gegenüber stehen könnte, wurde ihm noch um 10 Grad kälter. Die Kälte kroch langsam immer höher über seine geschwollenen Fü__e in die lange wollene Unterwäsche hinein und lie__ sein Gebi__ hörbar klappern. Ganz kurz mu__te er laut nie__en. Allmählich kam er wieder zu sich. Seine derzeit mi__liche Lage wurde ihm schlagartig bewu__t.  Er fluchte leise vor sich hin  und wäre am lieb__ten umgekehrt. Aber er hatte keine Wahl. Beruf ist Beruf. Ohne Flei__ kein Prei__. Die komischen Viecher hatten sicherlich wieder alles bi__ auf den letzten Bi__en aus den Futterkrippen heraus gefre__en und warteten bestimmt auf Nachschub. Rasende Kopfschmerzen peinigten ihn. Immer wieder versuchte er zu überlegen, ob er auch alles aufgeladen hatte. Er zählte auf: „ Unmengen von Kastanien, mehrere Säcke Eicheln, kistenweise Mai__ und Heu für die Pflanzen und Körner fre__enden Tiere.“ Für die Füchse hatte er nichts dabei. Die sollten sich ihr Fre__en gefälligst selbst suchen, denn die hatten in der kalten Jahreszeit reichlich Nahrung. An einer Futterstelle hielt der Förster den Schlitten an. Hier war alles leer. Also mu__te er schnell nachfüllen. Er legte erst Heu hinein, darüber streute er breitwürfig Eicheln, Ma__ und Kastanien. So - nun konnten alle Tiere kommen. Es war angerichtet. Bald trabten auch schon die ersten Rehe, Hirsche, Hasen und die Wildschweine heran. Aber heute fra__ ihm keiner aus der Hand. Sie trauten sich nicht so recht in seine Nähe. War es der herbe Duft seines Aftershaves? Oder konnten sie mit ihrer feinen Nase seinen mit Alkohol gesättigten Atem nicht ertragen ..? Mundgeruch macht eben auch einen Förster einsam.
Nächstes Mal, so stammelte er mi__mutig in seinen wei__en Bart, wollte er wieder nüchtern seine Runde drehen.


 


 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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