Anna Elisabeth Hahne

Aus meinem Brasilien- Tagebuch, 31.07.200

Ich hatte Nadine, Valéria, Eliani und ihre Familie zum Zoobesuch, Pampulha See, eingeladen.
Eliani kam pünktlich mit ihrer Familie, um uns vom Hotel abzuholen. Wir fuhren gemeinsam mit dem Omnibus zum Zoo. Die Eintrittspreise waren, zu meinem Erstaunen, recht hoch, so daß selbst ein Zoobesuch für viele Menschen, in ihrem Leben, nicht selbstverständlich oder kaum möglich sein dürften.
Ich sah im Zoo große Familien, wohl mit Großeltern und Verwandten. Für sie war dieser Zoobesuch sicherlich ein riesiges Fest. Picknicks auf weiten Wiesenflächen waren hier erlaubt. Das wiederum ist bei uns selten oder gar nicht vorzufinden.
Blumen wie Tagetes, fleißiges Lieschen, die bei uns alltäglich sind, galten hier als exotische Pflanzen und konnten in liebevoll angelegten Beeten und Rabatten bewundert werden.

Nach dem Zoobesuch ging es weiter zu Elianis Eltern, zur Sitio. Elianis Mutter hatte ein klassisches, brasilianisches Mahl zubereitet. Es schmeckte sehr gut.
Wir alle unterhielten uns über viele Dinge im Land, und unter anderem erzählte ich, warum ich in Brasilien war. Alle hörten mir interessiert zu, und wollten mich bei meinem Anliegen unterstützen. Elianis Vater meinte, wenn ich es wünschen würde, würde er nach einem fruchtbaren Boden Ausschau halten. Ich freute mich sehr über diese Resonanz.

Erster, direkter Kontakt mit einem Straßenjungen:

Obwohl es Sonntag war, war der Bus auf der Rückfahrt zum Hotel so gut besetzt, daß einige Fahrgäste Stehplätze einnehmen mußten. Nadine fand ihren Sitzplatz in der Mitte des Busses. Valéria und ich saßen nebeneinander in einer zweier Sitzreihe, direkt hinter der Ausstiegstür.
Als die Fahrgäste an der Bushaltestelle eingestiegen waren, und der Busfahrer gerade losfahren wollte, bemerkte ich eine hastige, leise Bewegung unterhalb der Ausstiegs-, Einstiegssstufen. Ich konnte allerdings nichts erkennen und fragte mich, was das wohl war. Nach einer kurzen Weile richtete sich auf den Stufen, vor der Ausgangstür, ein schlanker, zierlicher, dunkelhäutiger, mit langem, buntem T-Shirt bekleideter, etwa 155 cm großer Junge auf. Er ging leise entlang des Mittelganges nach vorne und hielt seine rechte Hand auf, um die Fahrgäste, die rechts im Bus saßen, wortlos um eine Spende zu bitten. Ich schaute dem Jungen nach und beobachtete, daß keiner der Fahrgäste ihm etwas gab, bis er aus meiner Sicht verschwand. Plötzlich hörte ich eine gleichbleibende, männliche Stimme, die eindringlich laut sprach, während im Bus auf einma
l alle Menschen mucksmäuschen still wurden. Leider konnte ich das nicht verstehen und ich dachte daran, daß der Busfahrer wohl dem Jungen das Betteln untersagt hatte. Dann, Momente später, sah ich den Jungen wieder. Er kam in den hinteren Teil des Busses und hielt den Fahrgästen stillschweigend seine geöffnete Hand hin.
Nach einigen Augenblicken kam der Junge zu uns. Ich war vollkommen beeindruckt, und schaute mir den Knaben genau an. Ich fragte mich blitzschnell: "Wie verhalte ich mich? Gebe ich ihm etwas oder nicht?" Ich wußte ja, daß die meisten Straßenkinder sich Drogen, Schnüffelstoffe, Alkohol usw. besorgten. Aber ich hatte Valéria bei mir, und so entschied ich dem Jungen ein paar Reais in seine leicht verschmutzte, rechte Hand zu geben. Valéria sollte sehen, daß das Geben etwas Positives ist. Im Stillen hoffte ich, daß der Junge sich doch etwas zu essen davon kaufen würde. Am liebsten aber hätte ich ihn gefragt, ob er nicht mit mir kommen wolle, denn ich könne ihm ein Zuhause geben. Aber leider ist das Straßenkinder- Projekt lange noch nicht so weit…
Der Junge nahm das Geld, nickte dankend mit dem Kopf und war an der nächsten Haltestelle im Nu verschwunden.
Im Laufe der Rückfahrt war es so dunkel, daß die Straßenlaternen die Straßen und Plätze hell ausleuchteten. Ich selbst bemerkte, wie mich das kurze Erlebnis mit dem Jungen fest im Griff hielt.
Ich schaute nur noch aus dem Fenster und sah auf einmal nahezu überall Straßenkinder.


Fazit: Ich muß die Sprache zügig weiterlernen und bzgl. meines Projektes "reinhauen"!

 

Anna Elisabeth Hahne

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