Jens Jung

Spiel des Lebens

Spiel des Lebens


Wo wir herkommen bestimmt zuweilen wer wir sind.

Wer wir sind bestimmt meistens was wir  tun.

Was wir tun bestimmt fast immer wo wir hingehen.

 

Als ihm die Kälte in die vom Regen aufgeweichten Glieder fuhr, riss er die Augen auf. Seine winzigen Pupillen zogen die Dunkelheit in sich hinein. Sie füllten sich mit der pechschwarzen Nacht und flossen auseinander bis das Blau seiner Iris ganz von ihnen verschluckt wurde. In ihrem Schwarz spiegelte sich die Silhouette einer fast pechschwarzen Gasse, die selbst für die wenigen Sterne am Himmel zu unbedeutend war, als dass ihr  schwacher Schein den Weg zwischen die kalten Backsteinwände gefunden hätte. Wie in Trance hob er seinen Kopf vom kalten Asphalt. Ein unnachgiebiger Schmerz hämmerte von Innen gegen seinen Schädel. Nur die graue Ratte, die zufällig an diesem farblosen Ort in den Mülltonnen nach Nahrung suchte, sah mit ihren roten Augen, wie die zitternde Figur zwischen all dem Müll schwache Tränen vergoss. So sehr wütete der Schmerz hinter seiner Stirn, als wollte er ausbrechen und alles kurz und klein schlagen. Plötzlich ergriff unseren namenlosen Helden die Panik, als wäre er aus einem Alptraum erwacht und sich nicht sicher ob er wirklich wach war oder noch feststeckte in einem absurden, beängstigenden Gebilde seiner Fantasie.

Mit einem Satz richtete er sich auf. Eine Hand an der pochenden Schläfe, mit der anderen an der Wand abgestützt, richtete sich sein Blick wie durch einen Tunnel bis zum Ende der Gasse. Er musste den Sturz überlebt haben. Wahrscheinlich waren seine Verfolger davon ausgegangen, dass er tot war oder hatten keine Zeit gehabt, sich seinem Ableben zu versichern.

Sofort schoss es ihm wie Blitzgewitter durch den Kopf. Er musste Amy warnen. Wenn sie in seiner Wohnung waren, wussten sie auch von ihr. Unter Höllenschmerzen schleifte er sich, an der Mauer angelehnt, bis zur Hauptstraße, in die die Gasse mündete. Die Straße war wie leergefegt, keine Autos oder Busse, keine Fußgänger, nicht einmal Streuner zogen durch die nebelige Nacht. Einen Augenblick erlosch alle Hoffnung in ihm rechtzeitig zu Amy zu gelangen. Plötzlich zog ihn eine schwarze Hand von hinten zurück in die Dunkelheit.

Er war plötzlich in einem vertrauten Wohnzimmer. Seine Kopfschmerzen verschwanden. Seine Glieder wärmten sich. Sein Gesicht verlor die Sorgenfalten und entspannte sich. Da war Amy. Sie saß auf seinem Schoß. Er legte die Arme um ihre schmale Hüfte und grub sein Gesicht in ihren Rücken. Sie roch nach warmem Zimt und dunkler Gartenerde. Sie musste wohl mit den Kindern Plätzchen gebacken und im Garten gespielt haben.

Doch die Miene unseres Helden verdunkelte sich wieder. Das hier war nicht sein Leben. Das hier war nur wieder ein Spiel. Ein Moment um ihn in Sicherheit zu wähnen. Da schlug die Schicksalshand wieder zu. Sie schien aus dem weichen Stoff des Sessels, in dem er saß, wieder nach ihm zu greifen.Unfähig sich zu wehren ließ er sich mitreißen. Die unbändige Kraft seines Entführers zog ihn wie eine Stoffpuppe durch den Raum. Er landete in seinem Bett.

An seinen Händen erkannte er, dass er ein Kind war. Er spürte seine jugendliche Energie. Doch sein Leben war schwierig. Sein Vater betrat den Raum und mit ihm der Geruch von billigem Alkohol und Zigarettenqualm. Sein Haar war ungepflegt und sein T-shirt hatte gelbe Flecken. Ohne Vorwarnung hob er die Hand. Sie hämmerte wie eine geballte Gerölllawine auf seinen kleinen Körper ein. Er biss und kratzte, doch sein Vater schien wie erholt als er seinen einzigen Sohn grün und blau in der Ecke liegen lies.

Unser Held stand auf, seine Rippen schmerzten, aus seinem Mund tropfte warmes Blut. Er fing an zu gehen, dann zu laufen, dann zu rennen, riss die Tür auf, ließ die wutentbrannten Schreie seines Vaters hinter sich, öffnete eine weitere Tür und war im Freien. Amy wohnte in der Nachbarschaft. Er hatte noch nie ein Wort mit ihr geredet.

Wieder ein Ruck an seiner Schulter. Ein fester Griff erfasste ihn, zog ihn ins Nichts und dann vor ein Grab. Da stand er, alt und gebrächlich. Sein verschwommener Blick konnte selbst mit Brille kaum die Buchstaben auf dem Stein vor ihm entziffern:

 

Amy Lebenslieb,

Mutter voll Liebe,

treue Gattin.


Er war kurz mit ihr zusammen gewesen, vor Jahren, doch sie hatte einen anderen geheiratet.

Sie hatte mit einem anderen Kinder bekommen und jemand anderes hatte sie umarmt und an ihr gerochen, während die Kinder vorm Kamin spielten. Jemand anderes wurde in ihrer Jugend irgendwann von seinem Vater tot geprügelt. Jemand anderes war die aufregende erste Liebe, die durch den Fall aus dem dritten Stock in eine einsame Gasse fast gestorben war und auch ihr Leben in Gefahr brachte.

Er war jeder Mann in Amys Leben gewesen und doch keiner. Jedes Leben war er der selbe Mensch gewesen und doch immer anders. Jedes Mal hatte ihm das Schicksal anders zugespielt. Die dunkle Hand schien sich nie interessiert zu haben ob man gut oder schlecht war. Dinge passierten, ob dem Guten oder dem Bösen nur aus Zufall.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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