Hans Elmer

Das kleine Glück

Das kleine Glück
 

Ich habe mir vor ein par Wochen einen Heizlüfter gekauft. Das Ding ist
eigentlich ganz OK. Mann kann sogar zuschalten dass es im Halbkreis
schwenkt. Und das alles für 23 Euro. Wenn das Teil bei uns produziert
würde, würde es mindestens das Dreifache kosten. Und das bedeutet,
es kommt von der anderen Seite der Welt. Irgendwo aus dem hinteren
Südostasien.

Jetzt gibt es da ja einige die an dem Teil auch noch Geld verdienen.
Der Hersteller, die Reederei, die Spedition, der Großhändler, der
Einzelhändler, und sonst noch einige. Da kann für diejenigen, die das
Gerät zusammenbauen, nicht mehr viel übrigbleiben. Also Kinderarbeit.
Ich versuche mal zu ergründen, wie so was ablaufen könnte.

Da haben wir also ein sagen wir mal 9 Jahre altes Mädchen. Sie
geht vormittags 4 Stunden in die Schule. Das ist ja schon mal Positiv.
Doch nach der Schule muss sie sich beeilen, um rechtzeitig ihren
Arbeitsplatz zu erreichen. Sonst gibt’s Ärger. Da sitzt sie nun mit
einigen gleichaltrigen, in einer baufälligen, schlecht belüfteten Fabrik,
auf einer harten Holzbank und schraubt Heizlüfter zusammen.
Unterhalten dürfen sich diese Kinder nicht, das mindert die Leistung.
Nach sechs Stunden monotoner Arbeit ist Feierabend. Sie hat also
einen Zehnstundentag hinter sich. Aber sie beklagt sich nicht, sie ist
daran gewöhnt, denn sie macht das schon seit zwei Jahren.

Sie macht sich nun mit dem Tageslohn von 2 Euro auf den Heimweg.
Allerdings mit einem Umweg, denn sie muss auf dem Markt noch das
Abendessen besorgen. Und zwar für sich, die Mutter und die kleine
Schwester. Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht, oder leistet
Sklavenarbeit in Katar. Die Mutter ging nie zur Schule. Sie bringt mit
ihren Gelegenheitsjobs gerade mal die Miete für die Hütte zusammen.
Das Abendessen besteht aus Gemüse und ein par Fischköpfen, zu
mehr reicht es nicht.
Darum wählt sie mit Bedacht. Das Gemüse muss nicht das ganz frische
sein und die Fischköpfe auch nicht. Für einen Eintopf geht das schon noch.
Und es bleiben einige Cent übrig, für den Nachtisch. Sie geht also zum
Schluss beim Stand des Bäckers vorbei und kauft für das Restgeld ein
Stück Kuchen. Sie weiß nicht, dass in den Ländern in denen diese Heizlüfter
verkauft werden, die meisten Kinder in ihrem alter mehr Taschengeld
bekommen, als sie am Tag verdient. Aber das ist nicht wichtig, denn sie
weiß ja auch nicht was Taschengeld ist.
Zu Hause angekommen, gibt sie der Mutter ihre Tasche und spielt dann
mit ihrer kleinen Schwester. Nach dem Abendessen packt sie den Kuchen
aus und schneidet ihn in drei Stücke. Eines davon immer ein bisschen
größer als die anderen zwei. Das bekommt die Kleine. Denn Mutter und
Tochter haben einfach Freude an den glücklich strahlenden Augen der Kleinen.
Wenn es aber auf dem Markt nicht so gut läuft, wenn die Händler nur teures
Gemüse haben, wenn die Fischhändler keine älteren Fische mehr haben,
dann muss sie besonders klug wählen. Dann reicht es nur noch für ein kleines
Stück Kuchen. Und das ist dann allein für die Kleine. Doch Mutter und Tochter
lächeln sich wieder an, wenn die Kleine das Stück vorsichtig und ganz langsam
isst. Denn der Genuss dauert so einfach länger. Das hat sie von der großen
Schwester gelernt.
Und das ist dann das kleine Glück. Die große Schwester hätte zwar schon
auch gerne ein Stück Kuchen, aber es reichte einfach nicht. Und die
strahlenden Augen der Kleinen sind da einfach eine Entschädigung.
Sie ist auch mit dem kleinen Glück zufrieden.

Aber mein Heizlüfter hat einen Wackelkontakt. Offenbar hat da jemand
ein Kabel nicht richtig festgeschraubt. Reklamation? Ich weiß nicht so
recht, ob ich das machen soll. Denn in dieser vernetzten Welt ist alles möglich.
Es könnte sein dass diese Reklamation bis zum Hersteller durchgereicht wird.
Und es könnte sein, das dieser Hersteller anhand der Serienummer
feststellen kann, wer das Ding zusammengeschraubt hat. Und dann könnte
es sein, dass unsere Neunjährige Probleme bekommt. Ob das alles so abläuft,
ich weiß es nicht. Aber ich kann es auch nicht ausschließen.
Und wenn es tatsächlich so weit kommt? Dann könnte der Hersteller zu einer
erzieherischen Maßnahme greifen, und ihren Tageslohn halbieren. Nach
dem Motto: Streng aber gerecht. Was macht sie nun? Es gibt niemand
der ihr zur Seite steht. Und wir aus den westlichen Ländern schon gleich
gar nicht. Uns allen ist dieses Mädchen scheißegal.

Da steht sie nun, mit ihrem Euro in der Hand und geht auf den Markt.
Da hilft alles kluge abwägen nichts mehr. Es reicht gerade für ein par
schrumpelige Rüben, und das war’s dann auch schon. An Kuchen
ist auf jeden Fall nicht zu denken.

Zuhause angekommen, übergibt sie der Mutter ihren Einkauf.
Die Mutter sieht sofort was los ist. Sie stellt sich schweigend an
den Herd, und bereitet den spärlichen Eintopf zu. Die beiden Kinder
spielen solange. Nach dem Essen wartet die Kleine auf das
auspacken des Kuchens. Aber es gibt nichts zum auspacken.
Auch das kleine Glück ist verloren.

Nun bemerkt die Kleine die traurigen Blicke von Mutter und
Schwester. Das freudige Erwarten erlischt, genau wie das leuchten
in den Augen. Sie zieht sich stumm in ihre Schlafecke zurück, und
rollt sich zusammen. Die Große will der Mutter noch beim aufräumen
helfen, doch diese schüttelt nur stumm den Kopf und zeigt auf die
Kleine. Sie legt sich also zu ihr, schmiegt sich an sie und legt den
Arm um sie, dann hört sie zu, wie sich die Kleine leise in den Schlaf
weint. Sie weiß nicht, woher der Schmerz in ihre Brust kommt. Sie
weiß nicht, dass es das Herz ist, was ihr so sehr wehtut. Sie weiß
auch nicht, dass weinen diesen Schmerz lindern könnte, das weinen
hat sie längst verlernt. Sie ist nämlich schon 9 Jahre alt.

Das Alles könnte so geschehen. Und ich wäre schuld daran.
Das will ich nicht. Es ist mir schon zu viel, dass ich, so wie wir alle,
mitschuldig bin an diesem System. Wir könnten dieses Scheißsystem
ändern, wenn wir uns nur ein kleines bisschen ändern würden.
Dazu bräuchten wir allerdings auch intelligente Politiker, doch die
meisten von denen sind blöd wie die Nacht. So ähnlich wie mein
Heizlüfter. Ich auf jeden Fall werde meine Werkzeugkiste aufmachen,
um an diesem blöden Heizlüfter das Kabel richtig zu befestigen.

Das ist dann mein bescheidener Beitrag zur Erhaltung des kleinen Glücks.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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