Gherkin

🥴ABSINTH - Genuss und Verdruss🥴







Nachdem Caspian I. Eiderdaus zum zweiten Mal vor den Kadi zitiert worden war, weil er eine ‚nicht unerhebliche Menge’ Cannabis-Produkte bei sich führte, und der Richter in Kleve mehr als sorgenvoll auf das klägliche Häufchen Elend hinab gewettert und gepoltert hatte, nahm sich der Beschuldigte vor, nunmehr endlich drogenfrei in das Jahr 2020 zu taumeln. „Es gibt ja immerhin noch den Alkohol. Guter, alter Freund Alkohol, sei herzlich begrüßt nach diesen 14 Jahren der heftigen Hardcorekifferei! Ich habe dich zwar kaum vermisst, aber jetzt, heute, sage ich „hello again“, da ich aus der Not eine Tugend zu machen weiß. Aufs Räuscherl zu verzichten fällt mir im Traume nicht ein, sinnierte Caspian, doch jetzt wird ganz legal gesumpft...

Die DVD mit dem exzessiv-orgiastischen Treiben des Johnny Depp in „Fear & Loathing in Las Vegas“ wurde entsorgt, es wurde hierfür gekauft: „Hangover“ mit Ed Helms. 2 Sixpacks und eine Buddel ‚Leberkleister’ waren rasch besorgt, dann prostete sich Caspian im Spiegel selbst zu: „Hau´ wech die Scheiße!“

Und wusch – höchst elegant sind diese Flüssigkeiten entsorgt worden. Nein, geschmeckt hatte es ihm nun nicht gerade, aber die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Wen interessiert denn, wie es schmeckt, wenn nicht einmal 24 Sekunden nach dem Einfüllen der Plörre in die hierfür vorgesehene Öffnung das Räuschlein auf frechen Sohlen um die Ecke geschlichen kommt? Genau, keinen, absolut niemanden. Harald Schmidt: „Was interessieren mich Öchsle, edle Abstammung und der Wein-Charakter? Mir kommt es nur auf die Wirkung an und natürlich, dass ich am nächsten Morgen keinen Kopf habe. Das ist Weingenuss für mich!“

Von Freunden hatte er es gehört: Absinth habe eine ähnliche ‚Rezeptur’ wie THC. Aha! So so! O ja!


Das ist doch eine Option für einen Umsteiger, meinte Caspian sofort. Absinth also, ja?

Bei einer sehr großen Anzahl von Absinthmarken ist die Spirituose von grüner Farbe. Deswegen wird Absinth gelegentlich auch „die grüne Fee“ (französisch: La Fée Verte) genannt. Der Alkoholgehalt liegt üblicherweise etwa zwischen 45 und 85 Volumen-Prozent und ist demnach dem sicher oberen Bereich der Spirituosen zuzuordnen. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender Kräuter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitter-Spirituose, obwohl er selbst nicht notwendigerweise bitter schmeckt. Auch ein möglicher gemeinsamer Wirkmechanismus mit dem Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol über eine Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren konnte nicht bestätigt werden. Sicher ist, und hier sind alle Infos stimmig: Absinth ist ein Epileptogen, kann zu völliger Wesensveränderung führen. Unter Absinth-Einfluss schnitt sich Vincent van Gogh das Ohr ab. Temporallappenepileptiker haben hernach, wie van Gogh, keinerlei Erinnerung mehr an die Zeit des Anfalls. Paul Gauguin und van Gogh verloren ihre Freundschaft durch diesen harten Stoff, den Respekt und ihre Würde. Einer sogar ein Ohr!

Ingredienzien: Außer Wermut (Artemisia absinthium) enthält in Frankreich und der Schweiz hergestellter Absinth noch Anis, doch teilweise ersetzt durch den billigeren Sternanis, sowie Fenchel, Ysop, Zitronenmelisse und pontischen Wermut. Andere Rezeptvarianten verwenden auch noch Angelika, Kalmus, Origanum dictamnus, Koriander, Veronica, Wacholder, Muskat und verschiedene weitere Kräuter. Wermut, Anis und Fenchel sind dabei die Kräuter, die den typischen Geschmack des Absinths ausmachen. Die übrigen Gewürze dienen anscheinend der geschmacklichen Abrundung. Die grüne Farbe, die viele Absinthsorten aufweisen, stammt vom Chlorophyll der typischen Färbekräuter wie pontischem Wermut, Ysop, Melisse und Minze. Ein weiterer Bestandteil ist das ein wenig mysteriöse Thujon. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten in der Historie der Getränkeherstellungen, dass hier immer wieder Ingredienzien auftauchen, die kein Verbraucher erwartet, fordert oder freudig begrüßt: Zu Beginn der Cola-Schwemme war – viele wissen das gar nicht – Kokain (!) in der braunen Brause. Aus gewissermaßen offensichtlichen Gründen musste dieser Zusatz jedoch recht bald wieder verschwinden. Aber wir extrem gutgläubigen Verbraucher „schlucken“ ja vieles: Was eigentlich bewirkt Taurin in all den Power-up-Getränken? In diesen verfluchten Energy Drinks? Warum befand sich einst Frostschutzmittel im Wein? Alerte Fragen… Kein Käse mehr in der Pizza? Keine Spur von Vanille im Vanille-Eis? Nein! Stattdessen Käsesurrogat in der Käse-Pizza und Vanille-Aroma plus sonstiger künstlicher Zusatzstoffe im Eis. Und täglich werden mehr dieser LL (= Lebensmittellügen) aufgedeckt, ich warte auf den Tag, da bekannt wird, dass Eierlikör keinerlei Eier beinhaltet. Wir mussten ja schon ziemlich viel schlucken. Aber wenn der Eierlikör ohne Ei verkauft wird, der Käsekuchen ohne Käse, dann hört der Spaß auf.


Absinth-Informationen:

Thujon ist als ein Nervengift bekannt, das in höherer Dosierung Verwirrtheit und epileptische Krämpfe (Konvulsionen) hervorrufen kann. Seit 1998 ist Absinth in den meisten europäischen Staaten wieder erhältlich. Auch in der Schweiz sind seit 2005 die Herstellung und der Verkauf von Absinth wieder erlaubt (nach dem generellen Verbot zu Beginn des 20. Jahrhunderts in fast allen heutigen EU-Staaten außer Portugal und Spanien; in Großbritannien blieb zumindest der Verkauf erlaubt). Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht Wermut. Das berühmteste Gemälde dürfte das von Viktor Oliva sein (aus 1901): Der Absinthtrinker. Caspian kaufte sich flugs 2 Flaschen (66 %!) und trank, als er das berühmte Ritual auf dem Beipackzettel (welche andere Spirituose hatte denn schon eine Gebrauchs-Anleitung?) studierte, in aller Unschuld das „Fixer-Besteck“ begutachtete (Absinthlöffel, Reservoirglas und Spezialzucker) und die historischen Daten bewunderte (Verbotenes hat eben seinen besonderen Reiz, DAS kannte Caspian ja noch vom Kiffen her!), den ersten „kalten“ Schluck, denn er hatte sich nach der Lektüre für die tschechische Trinkweise, ‚Das Feuerritual’, entschieden. Dieser erste, sehr zögerliche Schluck schob bereits mächtig Dampf in Richtung Faucium. Mit Wucht und jeder Menge Hitze tobte, rann das Gebräu gen Magen. Caspian musste sofort Wasser hinterher trinken. Arrrgh, das war heftig! Er wusste nun, was auf ihn zukam. Oscar Wilde beschrieb Absinth mit sehr poetischen Worten, was darauf schließen lässt, dass er ihn eher leidlich maßvoll genoss, der clevere Gauner:

“Absinthe has a wonderful color, green. A glass of absinthe is as poetical as anything in the world.” „Es scheint, als sei die gesamte europäische Elite der Literatur und der bildenden Künste im Absinthrausch durch das ausgehende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert getorkelt.“ (Hannes Bertschi und Marcus Reckewitz; Quelle ist, natürlich, WIKIPEDIA)
 
Dieses beliebte Kuh Umstoßen, die Kühe missbilligen dies in nicht unerheblichem Maße, soll ja aus einer immens Absinth geschwängerten Laune heraus gegoren, äh, geboren worden sein! Bitte, Absinth-Trinker, stoßen Sie keine Kühe mehr um! Thx!


Unmäßigkeit, Sucht, Rauschgift-, Tabletten- und Alkoholabusus, Völlerei und die Gier nach mehr: „Der so zum Tier sich macht, befreit sich von dem Leid, ein Mensch sein zu müssen!“ (Dr. Johnson, aus „Fear & Loathing in Las Vegas“). Im Kontext zum berühmten Spruch von Astrid Lindgren entfaltet obiges Zitat sein volles Aroma: „Es ist schwer, ein Mensch zu sein, und das muss es vielleicht sein.“ Nur so ist es zu verstehen, dass wir uns berauschen müssen. Unbedingt. Nicht unbedingt täglich, aber doch gerne ab und an. 3 x die Woche aber mindestens.


Cas´ Vater lobte ihn sehr: „Du hörst auf mit dieser Kifferei? Das freut mich! Lieber mal ein Fläschchen Wein abends als einen Joint am frühen Nachmittag. Ich bin froh, das zu hören!“ In Deutschland sterben jedes Jahr 75.000 Menschen an den Folgen ihrer Alkoholsucht. Diese Zahl nannte die Bundesregierung. Danach gelten 1,9 Millionen Menschen als alkoholkrank oder gefährdet, wogegen es in den gut 10.000 Jahren der friedvollen Hanfnutzung noch nicht einen Toten zu beklagen gegeben hat. Das wollte Caspian entgegnen, doch er ließ es sein. Es hätte seinen Vater ziemlich enttäuscht. Da war doch wieder diese  alte Masche, diese uralte Rechtfertigungspolitik zu hören? Nein, er ließ es, und damit seinem alten Herrn den Triumph des Säufers (jener gurgelte täglich exakt 1 ½ Flaschen Rotwein – bei einem Alkoholikertest würde der ganz klar als abhängig eingestuft werden, keine Frage!) über den jetzt ehemaligen Rauschgiftabhängigen. Schließlich war er ja gerade dabei, die Fronten zu wechseln. Argh, Hicks... Nach und nach muss das wohl so sein. Ein Gebot der Entwicklung. Immer mehr wird der junge Rebell zum angepassten, leidlich konformistischen Spießbürger. Würde er sich bald eine Brillenkette kaufen? Ja, vermutlich. Gleich danach Pullunder und Schlips.

Nonkonformist? Das war einmal. Er hörte jetzt KEiiNO statt Cypress Hill, Taylor Swift und Selena Gomez statt Snoop Dogg, Method Man & Redman, Wiz Khalifa plus Bone Thugs-N-Harmony. Ja, sogar Ed Sheeran. Er schämte sich nicht deswegen. Nein, das ging ihm ganz gut in den Gehörgang rein.


Ja, das musste er zugeben, psychisch abhängig hatte ihn die edle Pflanze gemacht, ohne jeden Zweifel. Für „Cas“ war es ein Pyrrhus-Sieg. Denn jetzt begannen die wirklich harten Zeiten für seine Leber! Jetzt! „Schlink nosch ein’n Whuck Trisky!“ „Wiiieee bitte?“ „Iisch saachdö: Whink nosch ´nen Truck Schlisky!“ Ein Nebeneffekt, den es bei Cannabis rein gar nicht gibt: Die verwaschene, für den Nebenmann völlig unverständliche Sprach-Information.

(Oben: "Ich trink noch einen Schluck Whisky")

Ich komme mir vor wie ´ne Ratte, ich komme mir vor wie ein Schwein, den Affen, den ich bis eben hatte, tausche ich gegen ´nen Kater ein… Da sind zwei konkurrierende Trinker beim Klassentreffen:

„Ich??? Ich bin zwischenzeitlich noch sehr viel tiefer gesunken. Und ich hörte dich, weit unter mir, ständig, bemüht, sehr entfernt und enervierend penetrant klopfen! Nachdrücklich, stetig!“


Die emotionale Reife eines Nashornbabys, die psychische Stabilität eines uralten Primatenhäuptlings, die Sensibilität eines Fahrradschlauchs, das Selbstbewusstsein eines Wasserflohs und die soziale Kompetenz eines Spermatozoons: ‚Absinth, Absinth, mein Gatte spinnt, er droht die Katze zu ermorden! Aus ihm ist, dank der grünen Fee, ein Monster-Hulk geworden!’

Caspians Metamorphose zum Testosteron- und Adrenalin-Alphamännchen stand nichts mehr im Wege, hatte mit dem dritten Schluck Absinth, jetzt im 'Feuerritual-Modus', begonnen. Und Caspian Eiderdaus vereinsamte peu á peu...

Nach lediglich 6 Wochen des täglichen Genusses dockte er im virtuellen Nirvana an, sinnierte und reflektierte, ließ den Tag willenlos verstreichen. Jede Nacht setzte er sich im verdunkelten Raum ans Fenster und starrte hinaus. Nur noch 12 Wochen, dann begrüßte diese Welt, diese so erbarmungslos grausame Welt dort draußen, das Jahr 2020. Caspian trank mechanisch, seine Trunkenheit war zum Normzustand geworden, das anfängliche Hochgefühl wich einem Spiegeltrinkerpermanentrausch, der, hätte irgendwer es ihm doch nur zuvor gesagt oder ins tumbe Ohr gebrüllt, dem Normalzustand eines glücklichen Babys an der Mutterbrust ähnelte, völlig frei von Stress, Lust, Tod, Sucht, Pflicht und Hass, losgelöst von allen Abhängigkeiten. Eine wohl vom Schöpfer so gewollte Normzufriedenheit, die ohne jedes Aufputschmittel, ohne die Zuhilfenahme von Drogen und ohne Reichtum oder Macht herstellbar ist, nur im Umgang mit geliebten Menschen und in sehr vertrauter Umgebung, satt, froh, wach, nüchtern und äußerst wohlgemut... Das ist wahres Glück.

Im Oktober 2019 wurde Caspian in die Psychiatrie des Elisabeth-Krankenhauses in Gelsenkirchen-Erle eingewiesen. Die Symptome: Verstärkt traten Halluzinationen und Wahnvorstellungen auf. Zudem Schlafstörungen und starke Angstzustände. Caspian I. Eiderdaus war nicht mehr in der Lage, sich hinreichend flüssig und verständlich dem Pflegepersonal gegenüber auszudrücken oder verständlich zu machen.

Er murmelte ständig etwas vom Besuch "Der grünen Fee". Cas´ Vater, der ihn dort kurz nach der Einlieferung besuchte, meinte zu einem Pfleger: Hätte er doch bloß mal lieber weiter gekifft, dieser Dumpfdämel...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.09.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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