Claudia Savelsberg

Der Psychiater und die Göttin auf High-Heels

Es war eine Katastrophe, ein wirkliches Desaster. So etwas Fürchterliches hatte Vanessa in ihrem jungen Leben noch nie erleiden müssen. Ein Absatz ihrer wunderschönen traumhaften Christian-Louboutin-Schuhe war abgebrochen, in einen Gully gerollt und dort einfach verschwunden. Vanessa war traumatisiert. Sie überlegte. Sollte sie eine Valium nehmen oder doch die Telefonseelsorge anrufen? Sie war verzweifelt, dem Wahnsinn nahe. Schließlich rief sie ihren Psychiater Dr. Dr. Franz Krötz an und bat eindringlich um einen Termin. Es ging um Leben und Tod. Dr. Dr. Krötz kannte Vanessa als labile Persönlichkeit, und angesichts ihrer dramatischen Schilderungen war mit dem Schlimmsten zu rechnen. Herr Krötz hatte ein hohes Berufs-Ethos, außerdem war Vanessa Privatpatientin. Also fand sich rein zufällig am Nachmittag noch ein freier Termin.

 

Vanessa, wie fühlen Sie sich nach diesem traumatischen Erlebnis?“

Na, wie wohl? Einfach Scheiße. Was soll ich sagen.“

Wir möchten das Erlebte zusammen aufarbeiten. Können Sie sich etwas differenzierter ausdrücken?“

Klar. Also, ohne diese Christian-Louboutin-Schuhe fehlt mir was. Ich fühle mich innerlich leer.“

Ich sehe, dass Sie eine emotionale Bindung zu diesen Schuhen hatten.“

Aber natürlich. In den Hochglanzmagazinen steht, dass man auf diesen Schuhen schreitet wie eine Göttin. Ehrlich, das stimmt auch! So eine Göttin auf High-Heels. Extrem krass.“

Vanessa, damit sprechen Sie einen sehr interessanten Aspekt an. Ihre Mutter hat sie abgelehnt, sie mussten sich klein machen vor ihr. Und jetzt gehen sie aufrecht wie eine Göttin. Sie haben an Selbstbewußtsein gewonnen, eine sehr gute Entwicklung.“

Und die Schuhe hatten so eine schöne rote Farbe.“

Die Farbe Rot hat einen starken Symbolcharakter. Was fällt Ihnen spontan ein?“

Rote Lippen, rote Dessous, rote Schuhe. Es ist einfach sexy, finden Sie nicht?“

Vanessa, Sie machen große Fortschritte. Sie reflektieren Ihre Weiblichkeit. Das ist großartig.“

Das mit dem Reflektieren mache ich jeden Tag vor dem Spiegel.“

Ich stelle Ihnen jetzt bewusst eine provozierende Frage. Sind diese Schuhe für Sie ein Fetisch?“

Häh? Ein was …?“

Ein Fetisch. Ein Fetisch dient meist dazu, sexuelle Begierden zu erregen.“

Jetzt hab' ich's kapiert. Wissen Sie, wenn ich in meinen roten Dessous und den roten Schuhe vor meinem Macker rumtanze, dann wird der richtig heiß.“

Sie handeln also ziel- und ergebnisorientiert. Das ist wunderbar, Vanessa.“

Manchmal drücken Sie sich aber sehr umständlich aus. Sagen wir mal so – ich weiß, was ich will.“

Kommen wir zurück zu unserem konkreten Problem, dem Verlust dieser Schuhe. Was macht das mit Ihnen?“

Sie haben immer gesagt, dass ich nichts verbergen soll .. äh .. nee ... verdrängen heißt das richtig Wort, oder?“

Genau. Und der Prozess des Verdrängens hilft nicht bei der Problemlösung..“

Aber ich verdränge doch nix. Ich weiß genau, was ich will. Ein neues Paar Schuhe von Christian Louboutin.“

Das ist ein klar umrissenes Ziel. Wie wollen Sie dieses erreichen?“

Ganz einfach. Mein Macker … äh, mein Freund .. soll mir ein neues Paar kaufen.“

Nein, Vanessa. Das wäre ein Rückschritt in ihrer Entwicklung. Wir haben gerade heraus gearbeitet, dass Sie eine selbstbewußte Frau sind, die ihre Weiblichkeit reflektiert, ziel- und ergebnisorientiert handelt.“

Ja, stimmt. So bin ich nun mal.“

Wenn Sie sich diese Schuhe von ihrem Partner kaufen lassen, dann begeben Sie sich wieder in eine Abhängigkeit wie damals zu ihrer Mutter.“

Nee, das muss ich wirklich nicht haben. Sie sind doch so schlau, was soll ich tun?“

Vanessa, als Ihr Psychiater gebe ich Ihnen folgenden Rat. Schreiten Sie wie eine Göttin in das nächste Schuhgeschäft. Dort verlangen Sie selbstbewusst ein Paar Christian-Louboutin-Schuhe, die Sie von ihrem eigenen Geld bezahlen. Damit werden Sie das traumatische Erlebnis des heutigen Tages überwunden haben.“

Eine geniale Idee. Sie sind einfach der Beste. Vielen Dank, ich fühl' mich gleich besser.“

 

Zwei Wochen später bekam Vanessa Post von Dr. Dr. Franz Krötz, für seine Bemühungen erlaubte er sich, einen Betrag von 534, 28 Euro in Rechnung zu stellen. Einen Teil dieser Summe übernahm ihre private Krankenversicherung, den Rest musste Vanessa aus eigener Tasche bezahlen. Beim Blick auf ihren Kontostand stellte sie seufzend fest, dass es dann definitiv für ein neues Paar Christian-Louboutin-Schuhe nicht reichen würde. Oder vielleicht doch? Vanessa entschied selbstbewusst und äußerst zielorientiert, sich die Schuhe von ihrem Macker schenken zu lassen. Sollte Dr. Dr. Franz Krötz doch was von Abhängigkeit quatschen. Das würde sie einfach verdrängen, und außerdem würde sie diese ganze Aktion vor ihm verbergen. Dieser Kroetz hatte sie einfach nicht verstanden, dachte Vanessa. Eine Frau braucht nun mal diesen wunderschönen traumhaften Schuhe, auf denen sie wie eine Göttin schreiten kann … eine Göttin auf High-Heels!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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