Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 2)

In den nächsten Tagen geriet die Dating-Seite in den Hintergrund. Obwohl ich nicht mehr häufig bei meinen Eltern residierte, wusste ich mich doch jedes Mal gut auf dem Hof zurechtzufinden; ich schätze, wenn man zwischen dem Geruch von Heu und Hühnerkacke aufwächst, wird das unweigerlich zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit. Diese Dinge brennen sich in der Kindheit fest, so wie sich Verhaltensweisen und -züge festbrennen, die man aufgrund seiner Erziehung erlangt hat, und dann bleibt es einem auf ewig im Gedächtnis. Womöglich waren es auch ebendiese Erinnerungen an meine Kindheit, weshalb ich mich weder von der Arbeit abschrecken ließ, noch vom Aufenthalt.

Unser Hof war nicht besonders groß; wir besaßen weder Schweine noch Kühe, sondern nur ein paar Hühner für den Eigengebrauch – außerdem einen Hahn namens Wilson, dem manchmal die Motivation abhandenkam, bei Tagesanbruch zu krähen –, und in unserer Scheune reihten sich neben unserem mittelgroßen John-Deere-Traktor lediglich eine Egge, ein Flug und zwei Kipper-Anhänger aneinander. Bei der Ernte kamen stets Lohnunternehmer aus Lexington oder Cincinnati hinzu – zur Erntezeit zogen die wie hochtechnologisierte, malmende Karawanen durch den gesamten Mittleren Westen und ließen nicht einen Gerstenhalm zurück –, und seitdem neuerdings überall Biogasanlagen in die Höhe schossen, befüllte dieses Jahr vor allem Mais unsere etwa hundertzwanzig Hektar Land. Wenn ich aus dem Fenster sah und jenseits der Scheune blickte, tat sich vor mir ein weites, dunkelgrünes Meer auf, ein windstiller Ozean, an dessen Horizont sich Silhouetten von Windrädern und Silokuppeln abzeichneten. Mais gefiel mir besser als Sommergerste. In Mais konnte man eintauchen, vollständig eintauchen, man konnte sich von der Welt abschirmen und alleine sein, nachdenken. Schon als Kind hatte ich mich immer durch die Reihen gestohlen und gespielt, natürlich sehr zum Missfallen meiner Eltern.

»Der Junge spielt lieber Entdecker, als sich auf die Veranda zu setzen und dem Mähdrescher bei der Arbeit zuzusehen, Schatz«, hatte mein Vater einmal zu meiner Mutter gesagt. Und es stimmte. Ich hatte mich nie viel für die Landwirtschaft interessiert – vielleicht zu seinem Missfallen, aber wenn, dann hatte er mir das nie gesagt –, und vielleicht war das auch einer der Gründe, weshalb er gegen meine Studienpläne am Ende keine Einwände erhoben hatte, zumindest nicht mir gegenüber. Vorrangig hatte meine Mutter mir zu einem Collegebesuch geraten, und ich hatte die beiden manchmal über meinen Werdegang debattieren hören. Zwar hatte auch meine eigene Intention von Anfang an darin bestanden, zu studieren, doch hatte sie offenbar befürchtet, dass ich mich von meinem Vater einlullen könnte, lediglich eine Lehre in einem Betrieb hier irgendwo auf dem Land zu beginnen, oder, noch schlimmer, gar in seine Fußstapfen zu treten – was bedeutete, dass ich meinen Lebensunterhalt zukünftig damit verdienen würde, Getreide und Kartoffeln zu ernten oder ab und zu, sozusagen als kleinen Nebenverdienst, die Traktorenmotoren meiner Nachbarn zu reparieren (oder ihnen Stühle und Tische zu bauen, denn mein Vater war gelernter Tischler). Dazu war es jedoch nicht gekommen. Ich hatte mir in der High School klare Ziele gesetzt, ich hatte mich ins Zeug gelegt, und obwohl mein Notendurchschnitt am Ende nicht der Beste gewesen war und ich auch sonst mit keinerlei herausragendem Talent hatte auftrumpfen können, hatte ich es doch auf ein staatliches College geschafft, und darüber waren ich, meine Mutter, und inzwischen vermutlich auch mein Vater, mehr als glücklich.

Dennoch – nicht aus einer Art Schuldgefühl heraus, sondern weil ich es wollte, packte ich mit an, zumindest solange es etwas für mich zu tun gab, und seien es nur so bescheidene Aufgaben wie das Fegen der Einfahrt oder das Mähen des Rasens. Mein Vater hatte seine Mitarbeiter, die ihn bei der eigentlichen Farmarbeit unterstützten (und nicht selten auf ein paar Bier dablieben, derweil sie auf der Veranda hockten und den Baseballspielen aus dem Radio lauschten), doch hatte ich mit diesen Leuten nicht viel zu tun, zumal die meisten von ihnen teilweise doppelt so alt waren wie ich und in mir womöglich nur den snobistischen Studenten-Sohnemann sahen, der sich für eine Bekanntschaft mit ihnen womöglich zu schade war. Ob ich mich in dieser Hinsicht nun ländlichen Klischees beugte oder sie sich den städtischen, der Kontakt zwischen uns blieb spärlich. Früher, zu Grundschulzeiten, hatte ich mich gerne abends zu ihnen auf die Veranda gesetzt, mit einer Pepsi in der Hand und einem dicken Grinsen auf dem Gesicht, weil ich mich besonders erwachsen gefühlt hatte, zwischen diesen verschwitzten, nach Erde und Motoröl stinkenden Männern zu sitzen, und ich hatte heimlich immer so getan, als wäre meine Pepsi ebenso Bier, und als hätte ich sie im Vorfeld bei der Landarbeit unterstützt und würde mich nun mit ihnen ebendarüber unterhalten. Manchmal hatte meine Mutter Eistee und Sandwiches gebracht oder sich dazu gesetzt, und es war jedes Mal eine schöne, gemütliche Runde gewesen. Womöglich betrachtete ich derlei Abende durch die Brille der Nostalgie, doch selbst wenn, machte es mir nichts aus. Noch heute gefällt mir der Gedanke, dass mein Vater mich immer an diesen Runden hat teilhaben lassen. So, als wäre ich tatsächlich bereits ein Mann gewesen.

An jenem Tag, die Sonne schlug bereits ihren Weg gen Horizont ein, half ich ihm dabei, den Reifen von einem der Kipper-Anhänger zu flicken, der aufgrund der knochentrockenen Hitze geplatzt war. Es war eine nervenaufreibende, schweißdurchtränkende Arbeit, und als wir endlich fertig waren, klebten uns die T-Shirts wie Saugnäpfe am Leib.

»Diese beschissenen Temperaturen. Und diese verfluchten Insekten.« Mein Vater schlug eine Mücke tot, die sich auf seinen Oberarm gesetzt hatte, und wischte sich über die Stirn. Ich äußerte mich nicht. Das war noch eine der höflichen Varianten, in denen er sich über das derzeitige Wetter zu echauffieren wusste; schon seit ein paar Tagen war er launisch deshalb – verständlicherweise, wie mir klar war –, und seine Gereiztheit verwandelte unsere gemeinsame Zeit jedes Mal zu einem angespannten Drahtseilakt, bei dem es hieß, bloß keine falschen Wörter auszuspucken, die seine Gereiztheit nur bestärken würden.

Trotzdem war ich natürlich besorgt. »Meinst du, die Ernte wird unter der Hitze leiden, Dad?«

Er lehnte sich an die Holzwand der Scheune und nestelte eine Zigarettenpackung aus seiner Jeanstasche. Er rauchte viel in letzter Zeit.

»Dad?«

»Das ist nicht unsere erste Dürreperiode, Steven.« Er schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie sich an. »Sie gehört zu den härteren, keine Frage.« Rauch stieg zwischen seinen Lippen auf. »Aber wir kommen schon über die Runden.«

»Na ja, aber der Ertrag –«

»Es ist nicht so schlimm, wie es einmal war«, unterbrach er mich und musste husten. Dann fuhr er fort: »Vor drei oder vier Jahren, ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast, mussten sie die Leistung vom Kraftwerk unten in Louisville eindämmen, weil das Kühlwasser die ohnehin schon heißen Gewässer noch mehr erhitzt hat. Später haben sie dann sogar einen der Reaktoren abgestellt. Das war ein Sommer. Das war eine Hitze, und die Ernte …« Kopfschüttelnd zog er an seiner Zigarette.

Ich wusste, dass er die Situation herunterzuspielen versuchte. »Ich glaube, Mom macht sich auch Gedanken.«

»Deine Mutter macht sich immer Gedanken.« Er schnippte die Zigarette zu Boden und trat sie aus – energisch, um nicht auch noch dafür Verantwortung zu tragen, dass uns in dieser Hitze der gesamte Hof abfackelte. »Sie neigt manchmal zur Übervorsicht, die Frau. Zu Übervorsicht und Übersorge.«

Was an diesem Abend nicht anders war. Recht gesprächskarg lungerten wir über unseren Tellern und stocherten mit den Gabeln durch die aufgewärmte Lasagne von heute Mittag, verloren nur ein paar Worte über den aktuellen Nachbarschaftstratsch, den Einkauf … das Wetter. Immerzu das verfluchte Wetter. Meine Mutter tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab, ehe sie ihr Besteck zusammenlegte und nach ihrem Wasserglas griff.

»Ich habe heute übrigens bei Craig Kelly vorbeigesehen. Nachdem ich mit dem Einkaufen fertig war.«

»Mhm«, brummte mein Vater.

»Du erinnerst dich an Craig? Seine Tischlereiwerkstatt unten in Greensburg?«

»Knarzt die Vitrine von deiner Mutter wieder? Brauchen wir neue Möbel?«

»Ich war … nur auf ein Plauderchen da, sozusagen. Nichts Großartiges.«

»Mhm«, wiederholte er und schob sich einen Bissen Lasagne in den Mund. Ich blickte von meiner Mutter zu ihm und wieder zu meiner Mutter. Ich ahnte, was sich da zusammenbraute.

Sie beobachtete ihn mit eindringlichem Blick. »Die Leute gehen immer noch gerne zu ihm. Er macht einen herausragenden Job. Hat immer viel um die Ohren …«

»Mom …«

»So viel, dass er wohl Unterstützung sucht. Ich meine, nicht aktiv sucht, aber als ich nachgebohrt habe –«

»Was soll das hier werden, Liebling?« Mit Messer und Gabel in den Händen, stützte mein Vater seine Arme auf dem Tisch ab. »Unterbreitest du mir gerade, einen Nebenjob anzunehmen?«

»Du hast die Ausbildung mit ihm gemacht. Ihr kennt euch, seid aufeinander abgestimmt –«

»Ich habe genug auf dem Hof zu tun, Marie.«

»Es wäre ein festes Gehalt. Für nur ein paar Stunden die Woche –«

»Verdammt nochmal, ich habe keine Zeit dafür.« Er warf das Besteck auf den Teller und starrte sie über den Tisch hinweg an. Ich wusste nicht, ob er das Gespräch oder den Job meinte. »Wie kommst du darauf, dass wir das nötig hätten?«

»Sieh nach draußen«, sagte meine Mutter ruhig. »Ich bekomme Brandblasen an den Fingern, nur wenn ich nachmittags über die Motorhaube unseres Wagens streiche. Dieses Wetter wird unserer Ernte – wird deiner Ernte, Richard – kurzfristig nicht guttun. Und dadurch wird es uns langfristig nicht guttun.«

»Wir kommen über die Runden.«

»Wir hatten diese Diskussion bereits letzten Sommer, und in dem davor auch. Und mit jedem Jahr wird es schlimmer.«

»Jetzt geht das wieder los.« Er lehnte sich im Stuhl zurück. »Wenn du eine Debatte über die globale Erwärmung führen willst, frag doch unseren Sohn. Er ist der Student.«

Als der erwähnte, studierende Sohn verkniff ich es mir, mich einzumischen. Diese Debatte bildete noch heißeres Terrain als unser Vorhof zur Mittagszeit. Ich starrte nur auf meinen Teller und aß schweigsam weiter.

Meine Mutter ließ sich nicht beirren. »Ich versuche nur, dir ein paar Alternativen näherzubringen. Du führst diesen Hof nicht allein, Liebling. Ich bin diejenige, auf die du die Bürokratie abwälzt –«

Er grunzte nur. Mit einem Hauch Herablassung in der Stimme.

»– und so, wie ich die Situation sehe, befördert uns das derzeitige Wetter mit Sicherheit keine schwarzen Zahlen auf den Papieren. Vielleicht sollten wir auch in Erwägung ziehen, zu verkaufen –«

Dieses letzte Wort – die Radikalität und Endgültigkeit, die darin mitschwangen, die Vertilgung eines gesamten Lebensabschnittes – beförderte eine Ladung Benzin in jenes bereits anschwellende Feuer, das dieses Gespräch bildete, und ich wusste in diesem Augenblick, dass jegliche Hoffnung auf einen friedlichen Abend verpufft war. In den Augen meines Vaters legte sich ein Glitzern, für den Bruchteil einer Sekunde versprühte sein Blick Funken – danach gab es ein Toben und Krachen. Zwei Klimafronten, die aufeinandertrafen.

Ob sie mitbekamen, dass ich irgendwann aufstand und mich entfernte, soll mir für immer ein Rätsel bleiben. Ihre Stimmen begleiteten mich die Treppe hinauf, die ich – obwohl ich schon als Kind immer empfindlich reagiert hatte, wenn meine Eltern sich stritten – überraschend gefasst und ruhig erklomm, ohne ein Gefühl von Frust oder Verzweiflung. Ich sagte mir, dass es mich nicht störte, obwohl ich im selben Moment wusste, dass es eine Lüge war. Doch ich glaubte sie, wollte sie glauben.

Vielleicht sollten wir auch in Erwägung ziehen, zu verkaufen.

Deine Mutter macht sich immer Gedanken.

Nach einer kalten, gedankenversunkenen Dusche ließ ich mich erschöpft auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Und dort, in der Stille und der Ruhe und der Hitze meines Zimmers, stieß ich einen langen, ernüchterten Seufzer aus.

Unten erklang noch immer Geschrei.

Sollten sie sich doch zum Teufel scheren. Ich rückte näher an den Schreibtisch und weckte meinen Computer auf, um mein allnächtliches Ritual zu beginnen. Ich war müde und deshalb nicht besonders motiviert – im Hinterkopf sagte ich mir, dass ich höchstens bis ein oder zwei Uhr vorm Bildschirm hocken würde –, und mein einziger Antrieb war wohl, dass ich mich fortzudenken versuchte vom Hier und Jetzt und mich ablenken wollte. Ablenken von der Realität. Als ich wie gewohnt die Dating-Seite aufrief, tat ich es zunächst wie in all den Nächten zuvor: Ohne besondere Erwartungen und mit dem Impuls, gleich wieder wegzuklicken.

Umso überraschter war ich, als ich eine ungelesene Nachricht in meinem Posteingang vorfand.

Nun, es handelte sich lediglich um ein simples »Hey :)«. Ausschlaggebend für meine Neugierde war jedoch der Username der Absenderin, love_centipede, sowie ihr Profilbild, das ein recht hübsches Antlitz von vielleicht zwanzig Jahren zeigte, mit milchigem Teint, graugrünen Augen und langem, kastanienbraunen Haar. Ich beugte mich näher an den Bildschirm, um sie besser in Augenschein nehmen zu können. Sie lächelte, aber lediglich ein Mundwinkel war gehoben, und der Ausdruck in ihrem Lächeln zeugte von jener Sorte Zurückhaltung, in der sich der nötige Hauch an neckischer Verschlagenheit verbarg, um es betörend zu machen. Das war sowohl interessant als auch seltsam. Allein ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie ihre Reize kannte und diese selbstbewusst zu präsentieren wusste, und deshalb war ich sofort auf der Hut, nicht selbst von irgendeinem Kerl, der sich als Frau ausgab, mit einem Fake-Profilbild hinters Licht geführt zu werden.

»Hallo«, schrieb ich erst einmal zurück.

Es dauerte nur einen Augenblick, bis sie (wenn es denn eine »sie« war) mir antwortete: »Landrover94 … ein ziemlich ulkiger Name, findest du nicht? :P«

Nun hob sich unweigerlich einer meiner eigenen Mundwinkel. »Deshalb hab ich ihn ja ausgewählt :D«

Sie schrieb: »Ich würde gern deinen echten erfahren ;)«

Meine Stirn bekam Furchen. War das tatsächlich kein Scherz? Hatte dieses Mädchen ernsthaftes Interesse an mir?

»Steven«, schrieb ich und wollte es erst einmal beim Vornamen belassen.

»Hallo Steven :)«, antwortete love_centipede.

»Nun verrat mir auch deinen :P«, schrieb ich, die Fingerkuppen feucht von Schweiß, »Quid pro Quo.«

»Ich heiße Leila«, antwortete sie, und ich war überrascht, dass die Antwort ohne Zögern kam. »Schön, mal mit jemandem zu schreiben, der nicht gleich so aufgesetzt klingt oder so einen komischen Spruch raushaut :D«

Ich fühlte mich unverhofft geschmeichelt. »Tatsächlich?«, schrieb ich grinsend zurück. »Bisher etwa nur schlechte Erfahrungen gemacht?«

»Eher die üblichen^^ Hab mich hier ehrlich gesagt auch nur registriert, weil mir langweilig war xD«

Mein Grinsen wuchs. »Dito :D«

Sie schrieb: »Hast du auch schon seltsame Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht?«

Ich ging auf Risiko. »Ein Gespräch muss ich da wohl erst noch abwarten :P«

»Ich bin sehr seltsam«, antwortete Leila, und die Abwesenheit jeglicher Emojis verlieh ihrer Aussage einen Grad an Ernsthaftigkeit, dass meine Finger für einen Moment über der Tastatur verharrten.

»Ohne Beweise glaub ich gar nichts«, antwortete ich dann. Der Schweiß rann mir über die Stirn, und ich wischte ihn mit der flachen Hand weg.

»Quid pro Quo«, schrieb sie. Ich konnte nicht anders, ich musste laut auflachen.

»In Ordnung«, schrieb ich. »Was willst du wissen?«

»Ich will wissen, ob du wirklich der bist, den ich auf deinem Bild sehe.«

Okay. Kein Mädchen, das ich in den vergangenen Nächten angeschrieben hatte, war mit einer solchen Aussage dahergekommen. Sie dachte mit. Hatte dieselben Bedenken wie ich und wollte auf Nummer sichergehen, bevor sie mehr von sich preisgab. Das war in Ordnung. Das beruhigte mich in gewisser Weise sogar.

»Und wie soll ich das beweisen?«, fragte ich.

»Mach ein Bild von dir«, schrieb sie. »Halt darauf ein Blatt Papier mit meinem Profilnamen neben dein Gesicht.«

Ich bat sie, mir einen Moment zu geben, kramte einen Kugelschreiber sowie ein Blatt Papier hervor und schrieb ihren Nutzernamen darauf. Dann hielt ich den Zettel an meine Wange und grinste in meine Handykamera. Klack!, und erledigt. Ich lud das Bild schnell auf meinen PC und wählte es im Chatfenster als Anhang aus.

»Bitte sehr.« Unter dem Text ploppte das Bild auf. Erst jetzt bemerkte ich, wie verschwitzt ich eigentlich darauf aussah, und es war mir sofort unangenehm.

»Du scheinst es ja recht warm bei dir zu haben :D«, meinte sie.

Zumindest konnte sie jetzt nicht sehen, wie knallrot ich wurde. »Du bist dran«, schrieb ich stattdessen und war gespannt.

»Gib mir ne Sekunde«, antwortete Leila.

Zwei Minuten später bekam auch ich ein Bild. Es ließ mir die Kinnlade runterklappen. Ob sie damit nun ihre Identität beweisen wollte oder aber ihre angebliche Seltsamkeit, es gelang ihr beides. Sie hatte ein Foto von sich im Profil geschossen, und obwohl sie eine ausgesprochen schlanke, attraktive Figur besaß und neben einer schwarzen Bluse kaum mehr am Leib trug als einen hauchkurzen Rock, waren es nicht diese Dinge, die mir als erstes ins Auge sprangen. Von ihren Rippen bis runter auf ihren Oberschenkel schlängelte sich – pechschwarz und erschreckend detailreich – das monströse Tattoo eines Tausendfüßlers. Seine unzähligen Beinchen krabbelten auf ihrer Haut herum, der Durchmesser seines massigen Leibes reichte von ihrer Bauchseite bis fast auf ihren Rücken, und seine langen Fühler streichelten ihr Knie, dass es fast schien, als würden sie sich jeden Moment bewegen.

»Ist das wirklich echt?« Die Frage bekam sie sicher dutzende Male zu hören, doch ich musste sie einfach stellen.

»Sicher :)«, schrieb Leila.

»Das sieht hammer aus.«

»Danke«, antwortete sie. »Hab das schon seit zwei Jahren oder so. War nicht billig xD.«

»Im Vergleich damit sehe ich auf meinem Bild ja geradezu fürchterlich normal aus.« Und das war eine Untertreibung. Ich war ein Idiot, der sich einen bekritzelten leeren Briefumschlag an seine verschwitzte Wange drückte und in die Kamera grinste wie ein Schimpanse.

»Du kannst mir immer noch das Gegenteil beweisen«, schrieb Leila. »Hab dich schließlich nicht umsonst angeschrieben;)«

Es gibt diese Momente im Leben, diese ganz speziellen Augenblicke, während derer man sich fragt, ob dieses Glück, das einem zuteilkommt, verdientes Glück ist oder einen Haken hat, eine Kehrseite. Dies war ein solcher Moment. In meinem Hinterkopf vernahm ich eine leise, schüchterne Stimme, einen vagen Hauch der Skepsis, der noch immer zur Vorsicht gemahnte … doch ich wollte ihn nicht wahrhaben und verdrängte ihn deshalb wieder.

»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete ich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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