Klaus-Jürgen Langner

Don und die Zauberfee

Die Zauberfee und Kunstmaler Don.
 
Es war an einem Tag wie jeder andere. Eben noch versprühte die Sonne ihre Freudenfeuer, regennass war der Boden und spiegelte alle Sonnenfunken in die Luft, so als ob es nichts Schöneres geben könnte, als dies Glitzern und Funkeln in der Natur.
Ein Flügelpaar inmitten dieses Funkeln war nur für einige Momente sichtbar, aber ich kannte diese schwebenden Flügel schon von früher und wusste, ich brauchte mich bloß noch ein wenig zu entspannen und die ganze Welt etwas unscharf zu betrachten, dann  würde zwischen diesen Flügeln schon meine Zauberfee sichtbar werden. Ich weiß es selbst nicht so genau, ob ich mir ihre Freundschaft verdient hatte, oder ob sie einfach nur ein ganz kostbares Geschenk war, jedenfalls besuchte mich meine kleine Zauberfee von Zeit zu Zeit, meist in der „blauen Stunde“, wenn alle Formen der Realität unscharf werden, sich auflösen und kein Mensch ganz genau sagen kann, was nun  Wirklichkeit  ist und was grad in diesem Moment von meiner Fantasie erschaffen wird.
„Hallo Don!“, klingelte ihre zarte Stimme, „Du hast mich gebraucht?“
Woher wissen Zauberfeen nur immer wann man sie braucht?
„Ja, sehr sogar! Aber ich habe es eben erst gewusst als Du mich das fragtest!“
„So, und…?“
„Ja sieh nur, ich sitze schon vor dem dritten leeren Blatt und, und wenn ich male sind es nur traurige Bilder. Ich komme aus diesem Trott nicht raus!!“
„Oh doch“, flötete sie, „ganz einfach“.
Und ich dachte, wenn sie wieder nur bei solchen Andeutungen bleibt, dann könnte sie auch eine Frau aus der wirklichen Realität sein. Aber sie war gesprächig: „Du musst nur eine Brücke malen“! Und sie stippte mit ihrem kaum sichtbaren Zeigefinger mitten auf eines meiner traurigen Bilder. Ein Klecks entstand dort in blaugelblilarotundgrün. Und dann machte sie noch einmal Huch!!! Und in einem sanften Bogen erschien mitten in meinem traurigen Bild ein Regenbogen. Und sie tanzte auf dem Regenbogen einen flotten Frühlingswalzer und rief: „Komm schon, lass mich nicht warten“.
Niemand lässt seine Zauberfee warten, und ich schon gar nicht. Also tanzten wir beide auf dem Regenbogen.
„Und wohin nun?“ fragte ich sie.
„Ach Dummerchen, frag mich doch nicht, Du bist doch der Maler“.
Ich antwortete: “Hör mal, …Dummerchen? Ich bin schon 81 Jahre alt!!“
„Ja, und nicht mal so schlau, wie ein kleines Kind!“ Ganz unfeenhaft stieß sie einen schrillen Pfiff aus und schon landete mein Lieblingspinsel in meiner Hand und neckisch piekste sie mich ins Ohr und flüsterte: „Fang an!“
„Was denn hier… worauf male ich denn?“
„Einfach was die Gefühlskobolde Dir einflüstern. Mal einfach in die Luft!!“
 
Und das Gefühl von einem Hin- und Her zwischen Macht und Ohnmacht, erinnerte mich an eine Schlachtenschilderung im alten Preußen. Aber warum tat mein Lieblingspinsel nichts? Die alten Preußen waren doch gar nicht gemeint, ich sollte m e i n e Machtgefühle erfahren dürfen. Dem Nostalgiefreund sei gesagt, Macht genießt man am besten in der Vergangenheit. Und als ich mich in meinem Kopf frei machte, meiner Fantasie freien Lauf ließ, da war ich plötzlich mitten in dem im Entstehen begriffenen Bild. Hoch zu Ross in einer Husarenuniform, als Generalissimus Don.
Und wie von selbst bewegte sich mein Lieblings-Ober-Haupt-Pinsel in der Luft und ein Schlachtenbild aus der Vergangenheit nahm immer mehr Einzelheiten an. Ungewohnt und etwas allein fühlte ich mich, und so dachte ich an meinen Freund Steffano, der prompt als Ulan mit einem Regiment neben mir erschien. Und auf der anderen Seite der Husar Teddifee, mit einem Regiment Husaren. Bunte Uniformen. Blitzende Waffen, Spannung in der Luft. Und dann sahen wir die Feinde. Die Pferde spürten die Nervosität aus der Anspannung, scharrten mit den Hufen alle warteten, bis ich das Zeichen zum Angriff geben würde.
Die Feinde waren deutlich unterlegen, ein leichter Sieg lag vor uns. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm, den blanken Degen wieder in die Scheide zu stecken, als ich sah, dass die Feinde Fersengeld gaben. Die Macht musste nicht mehr dokumentiert werden, es war zu offensichtlich, aber als ich das Signal geben ließ “Sammeln und Rückkehr ins Lager“, da vernahm ich ein unruhiges Murren, die Offiziere bedrängten mich, so leicht sei der Sieg noch immer, Ruhm warte nur darauf genommen zu werden. Für mich aber war der Geschmack der Macht schal geworden.
Ich wollte kein Blutvergießen, um Macht zu spüren, und wütend schleuderte ich das Symbol meiner Macht, den Säbel auf die Erde.
Das war ein Fehler!! „Das ist Revolution!“ schrieen die Soldaten, „wenn er die Macht nicht achtet, dann achten wir ihn auch nicht mehr! Und wenn wir den Feind nicht köpfen sollen, dann….“ und einer drang drohend auf mich ein, wie ein „Apokalyptischer Reiter“. Ich nickte meinen Freunden zu und wir glaubten, es sei für uns besser außer Landes.
Asterix hatte seinen Zaubertrank, aber ich hatte meine Zauberfee mit der Regenbogenbrücke und Gott sei dank erreichte ich diese, ehe es zu spät wurde. Ich konnte mich wieder umdrehen und sah, wie die Realität dieser Macht wieder in das Bild zurückfiel, das ich mit meinem Pinsel ins Leben gerufen hatte. Dahinten, wo Tannen stehen, war die Kraft der Macht zu ende. Hier auf der Brücke war wieder meine Zauberfee, hier war wieder meine augenblickliche Realität.
„Na, schon genug von der Macht?“ flötete sie, „hast Du es gespürt? Macht will benutzt werden, sonst wendet sie sich gegen Dich, nicht wahr!“ „Ja ja“ erwiderte ich, „ so steht es schon in den Annalen aller Generäle und das fing schon im alten Rom an.“ Aber ich musste das wohl erst selbst erfahren. Diese Art von Macht ist vergänglich, jedoch, es gibt noch eine andere Macht, die viel dauerhafter, die viel größer, die jedem Menschen zugänglich ist, nur, die findet man nicht im Tal der Fantasie in den Parawelten, die findet jeder, der will in der „Werkstatt des wahren Lebens“. Und diese Werkstatt finde ich nur hier und heute Utopia und den Zugang zu ihr kann ich nicht kaufen,  den kann ich nicht  mit Euro, DM, Dollar oder Lira bezahlen, den kann ich nur finden.
Und, war das schon alles? Wolltest Du nicht noch mehr? Wolltest Du nicht Geld? Reichtum? Unabhängigkeit?
Und während sie das fragte, schossen sogleich meine Gefühlskobolde glückliche Purzelbäume, fassten mich an den Händen, tanzten mit mir und meinem Lieblings-Ober-Haupt-Pinsel ein Moneten-Menuett und eine neue Stadt entwickelte sich, in strahlendem Sonnenglanz und mittendrin ein wunderschöner goldgelber Palast, besetzt mit funkelnden edlen  Steinen.
Ich konnte grade noch denken: “ Ach nee, so ist das also, wenn man in der Stadt des unermesslichen Reichtums ist“, und da war ich auch schon selbst in diesem Palast des Geldes, in Asturia. Wie jeder weiß, liegt diese Stadt in einem südlichen Teil von Utopia. Hier herrschte der Grundsatz: „ Reich ist Chic! Asturia ist die Krönung des ganzen Landes“.
Nun spazierte ich erst einmal herum in meinem Palast, angetan in prächtigen Gewändern, wie fast alle in diesem Land. Aber eines war mir schon aufgefallen, dieser Schlitz in der Kleidung am Rücken. Eine etwas sonderbare Mode, die aber jedermann mitzumachen schien.
In meinem Palast protzte der Reichtum aus allen Ecken und Kanten. Aber am meisten Aufmerksamkeit schenkte doch jeder den zwei Anzeigen über meinem begehbaren Safe.
Eine von ihnen hieß: „Dons Vermögensstand“ und die andere zeigte „Einkommende Zinsen“.
Beide Ziffernreihen in verlässlichem Schwarz, und dauernd sich verändernd. Nach oben!! Natürlich!!
Und noch etwas war sehr angenehm. Ich brauchte nur einen Wunsch intensiv zu denken, und schon erfüllte er sich automatisch. Grad verspürte ich den Wunsch nach einem Mokka und keine Minute später kam aus Mekka was an. Falls der Mokka zu heiß war, stand auch gleich ein Diener zu Diensten, und wedelte ihn mir kühler, bis es angenehm für mich war. Und dann verbeugte er sich devot vor mir und präsentierte mir in seinem gebeugten Rücken auffordernd den ungewohnten Schlitz. Wie alle hier griff ich automatisch in meine Hosentasche und steckte solange Goldmünzen in diesen Schlitz, bis der Diener sich selig lächelnd wieder aufrichtete. Und zugleich leuchtete die Anzeige bei „Dons Vermögensstand“ auf und 500.-Euro wurden abgezogen. Vermerk: „Mokka aus Mekka“.
Nun, durch meine immensen Zinseinkünfte stieg mein Vermögen trotz aller Wünsche, die ich mir erfüllte dennoch stetig an. Sollte ich zur Unterhaltung ein Manga-Girl wünschen, um mit ihr einkaufen zu gehen, oder für irgendetwas anderes (ich rede im Konjunktiv), dann würde das mein Konto schon aushalten. Aber ich musste für alles bezahlen. Sogar das Fensteröffnen wurde nur gegen Gebühr erledigt. Devot gebeugter Oberkörper, aber Goldstücke in den Schlitz am Rücken bis nach dem Aufrichten wieder das selig lächelnde Gesicht erschien.
Wenn ich mit apophis mal ein internettieges Schnattchen halten wollte über  ein Schmetterlingsmädchen, den Osterhasen, oder den Pampashasen,  oder gar über eine Schönheitskönigin, gleich sauste wie eine Rostrakete  mit kometencordialer Geschwindigkeit mein Chief of Staff, Seine Hochwichtigkeit Walli höchstderoselbst  an und zeigte mit Leichenbittermiene  auf meinen sich gering vermindernden Vermögensstand.
Ach, glaubt mir, es war zugleich wunderschön, aber auch langweilig. Alles drehte sich um das Geld, und nur um das Geld. Ich konnte mir alles kaufen, aber ich musste mir auch alles kaufen.
Am besten, ich würde diese Umstände gar nicht mehr beachten, ich sollte versuchen einfach nur alles zu genießen.
Kommt mir etwas oder jemand in den Sinn, die wunderhübsche Miss Masaya oder Mami-Hanni dann lass ich sie einfach kommen, dazu eine Kiste Mumm oder Limo. Momentan wollte ich immer Oliven und luftgetrocknetes Bündner Fleisch. Alles erschien, sobald ich es nur gedacht hatte. Aber selbst meine Freunde waren hier anders. Ich hörte zwar, wie sie sich untereinander unterhielten: „Du, Don macht sich!“ aber ich hatte gleichzeitig ein ganzes Konvolut in Händen von Reisekosten – Rechnungen.
Wenn ich meinen  Dienern erklärte, ich wollte irgendwo tanzen, gleich war der Schlitz im Rücken zu füllen und ich habe den Verdacht, wenn sie von dem vielen Gold immer dicker und dicker wurden, dann würden sie keine Kinder gebären, sondern Zinsen.
Nein, das war kein Leben, wie ich es länger führen wollte.
So wichtig ist Geld eben doch nicht, dass sich alles und jedes nur darum drehen sollte. Wünsche sind schön, wenn sie aber zu leicht erfüllt werden, dann schmecken sie schal.
Also erkaufte ich mir ein letztes Mal das Öffnen der Eingangstür und verabschiedete mich heimlich in Richtung der Regenbogenbrücke.
Eine letzte, die berühmte dritte Chance im Märchen hatte ich sicher noch, um ein Bild zu malen, in dem ich mich wohl fühlte. Und ich fing sogar schon vor dem Erreichen meiner Zauberfee damit an, zu malen.
Ich sehnte mich nach meinen Freunden und nach einer heiteren, unbeschwerten Begegnungsstätte. Ein Zelt entstand, ein Zirkuszelt, gefüllt mit vielen Menschen und sie saßen an  langen Tischen und tafelten und redeten und schwafelten und sangen und waren übermütig und fühlten sich froh und wohl. Da war Christa Astl, aber auch nanita da war adalbert unf da warst Du, egbart m. schmittf, mit Deinem Nachbarn Michael Reissig. Und natürlich Ralf Bruse undheinosuess, beinahe hätte ich ihn nicht erkannt, denn er war ganz im Schatten, ohne Licht. Da braute sicher wieder jemand einen der geheimnisvollen Drinks. Und da hinten, Irene Beddies ruft Verseschmied.
Ach, die ganze Mannschaft war wieder beieinander. Es wurde geredet, und gefachsimpelt, und je mehr getrunken wurde, umso leichter flossen die Reden. Und manchmal wurde auch herrlich gepöbelt. Das war nicht neu! England hatte es uns früher schon vorgemacht.
Und in der Manege war auch allerhand los. Linde präsentierte eine Nummer mit I Bebe, renate tank Miese Mieze und daddy54. Ja sogar Faro zeigte sich ganz frech. Schussel, und Hennes, der Ziegenbock vom FC Köln trugen ein selbst gemachtes Gedicht vor, aber die meisten verstanden nur  was sie nicht wiedergeben konnten, denn sie mussten zu sehr lachen! Ja und da wurde mir plötzlich alles klar. Hier fühlte ich mich wohl. Hier bei spyrahler bei wizenheim und bei Wolle und Chris. Und ich hatte alle Möglichkeiten in meiner Hand, hier alles so zu gestalten, dass ich mich dann auch wirklich wohl fühlte.
An mir lag es, an mir ganz allein, wenn ich meine Welt um mich herum so gestaltete, dass ich mich wohl fühlte. Und es kostete gar nicht viel, hierher zu kommen. Ein Klick nur, ein Klick nur auf der Tastatur, und ich bin hier.
Hallo Freunde, Willkommen!!!
Don!
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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