Ali Yüce

Wahnwitz: tief genug

Haydar ließ vor Schreck den Besen fallen. Er war darauf gefasst, dass das Schaufenster in tausend Stücke zersprang, aber zum Glück blieb sie ganz. Er hob den Besen auf, um ihm den Deppen, der gegen die Scheibe geschlagen hatte, über die Rübe zu ziehen. „Haydar Emmi! Mach auf!“ rief jemand. Haydar Emmi kommt schon, warte nur, dachte Haydar. Er war noch gar nicht an der Tür angekommen, da knallte es wieder heftig an der Scheibe. Haydar spürte, wie eine Ader an der Stirn zu pochen begann. Bei dem Versuch, einen Blick nach draußen zu werfen, zerknickte er mehrere Lamellen der Jalousie, aber in der Dunkelheit war durch das regennasse Glas niemand zu sehen. Gottverdammt. Er schloss die Tür auf.

„Haydar Emmi, bin ich froh, dass du noch da bist! Ich dachte schon, du hast heute früher Feierabend gemacht.“

„Hast du den Verstand verloren? Du machst meine Scheibe kaputt! “ platze es aus Haydar raus, noch bevor er sah, wer da vor der Tür stand. „Verpiss dich! Ich habe geschlossen.“

„Haydar Emmi, yapma ya! Ich habe mir einen Strafzettel eingefangen, nur damit ich rechtzeitig  hier sein kann. Es ist erst halb acht!“ Es war Berkay, der junge Schnösel, der glaubte, ein achtbarer Mann zu sein, weil er angefangen hatte, Jura zu studieren. Ein Stammkunde, ja, aber kurz davor, sich ein Hausverbot einzuhandeln.

„Beko, geh! Komm morgen wieder. Neun Uhr. Dann kriegst du, was immer du willst, aber jetzt hau ab.“

„Emmi, das geht nicht! Ich fliege morgen früh in die Türkei.  Niemand kann das besser als du.“

Haydar hätte nicht gedacht, dass er zorniger werden konnte, aber inzwischen pochte das Blut laut in seinem ganzen Schädel. Der Rotzbengel trat hier auf wie ein Pascha und sagte nicht einmal bitte. Jetzt bloß keinen Schlaganfall kriegen, dachte er; nicht wegen so einem Vollidioten. Beko, ich  habe über eine Stunde auf Kundschaft gewartet. Inzwischen ist alles aufgeräumt und sauber. Verdirb mir nicht den Abend. In der Türkei bekommst du bestimmt auch, was du willst. Geh heim, grüß deine Eltern, gute Reise.“

Haydar wollte die Tür schließen. Sie klemmte und ging nicht ganz zu, also  drückte er noch einmal mit aller Kraft. Berkay schrie auf. „Emmi! Mein Fuß!“

„Ich sollte ihn dir brechen. Verschwinde!“

„Emmi, das kannst du nicht tun. Hier hängt ein Schild, auf dem steht, dass du bis 20 Uhr geöffnet hast. Es gibt Gesetze!“

„Du und deine Gesetze!“ Unter all dem heißen Zorn fühlte Haydar jäh eine dünne Schicht Angst aus Eis. Gesetze waren für Haydar etwas Ungreifbares. Es gab sie, und man musste sich an sie halten, klar. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hatte es gereicht, moralisch gefestigt zu sein und nach gesundem Menschenverstand zu handeln, um vor Gesetzen sicher zu sein, aber inzwischen gab es sie für jeden Scheiß. Woher sollte ein Mensch all das wissen? „Ich scheiße auf deine Gesetze!“

„Irgendwann wir dich jemand anzeigen, wenn du so weitermachst.“ Berkay sagte das in einem so unterwürfigen, schleimigen Ton, dass Haydar nicht wusste, ob diese Bemerkung eine Drohung war. „Ich schwöre auf das Leben meiner Mutter, Emmi, wenn du nicht >ohne Gewähr< auf dein Schild schreibst, dann musst du die Öffnungszeiten einhalten.“

„Beko, bis heute hatte ich dich echt gern. Allah soll es nicht zulassen, aber wenn dein Flugzeug morgen abstürzt, dann liegt das daran, dass ich dich gerade aus tiefster Seele verfluche.“ Haydar musste sich beim Zähneknirschen einen Zahn zerkaut haben, er spürte harte Bröckchen im Mund und spie sie in ein Waschbecken.  Der Speichel hatte einen roten Schimmer. Im Spiegel sah er Blut in seinem Mundwinkel. Er leckte es mit der Zunge weg und spucke wieder aus.

Berkay lachte: „Du bist echt ein Original, Emmi! Deswegen mag ich dich so.“

Haydar war sprachlos. Das war zu schräg, um einfach nur Dummheit zu sein. Haydar verstand es nicht, er wollte es aber auch nicht verstehen; am besten war es, Beko schnell abzufertigen und loszuwerden. „Setzt dich“, befahl Haydar und nahm die Friseurkutte vom Garderobenhaken. Er schnürte den Kragen so fest um Berkays Hals, dass ihm die Adern darüber dick anschwollen. Berkay versuchte, ihn mit dem Zeigefinger zu lockern, und gab schnell auf, als er Haydars Blick sah.

„Sei nicht böse, Emmi, ich mache die Gesetze nicht.“

Haydar ging ohne ein Wort zur Eingangstür, schloss sie mehrfach ab und nahm das Schild mir den Öffnungszeiten von der Scheibe.  Er hielt es zusammen mit einem Kugelschreiber vor Berkays Nase.  „Schreib“, sagte Haydar.

„Was?“

„Ohne Gewähr.“

Berkay nickte.

„Fett und gut leserlich“, fügte Haydar hinzu. Während Berkay kritzelte, bereitete Haydar seine Instrumente vor. „Sehr gut“, bemerkte er, als er anschließend Berkays Kunstwerk inspizierte. „Jetzt versteht es auch jeder Idiot. Der übliche Schnitt?“

Berkay schluckte, sein Kehlkopf sprang auf und ab und tat sich schwer mit dem festen Kragen um seinen Hals. „Ja, Emmi, und einmal rasieren, dass die Fliege ausrutscht.“

„Wie Ihr befehlt, mein Padişah.“ Haydar ging grob ans Werk, bis er sich in Gedanken dazu anhielt, Ruhe zu bewahren. Wer wusste schon, mit welchen Gesetzen Beko ankommen würde, wenn Haydar ihm aus Versehen ins Ohr schnitt. Seine Hand zitterte jedoch, wenn er sich zwang, langsamer zu Arbeiten. In vierzig Jahren in diesem Beruf war ihm das noch nicht passiert.

Berkay ignorierte Haydars Laune und erzählte von seiner Verlobten, die ihn vom Flughafen abholen würde, nur aus diesem Grund hätte er darauf bestanden, heute von Haydar frisiert zu werden, er wüsste doch, was für ein großartiger Mensch Haydar Emmi war und dass sein Emmi es ihm sicher nichts übelnehmen konnte, wenn in Istanbul doch seine Verlobte auf ihn wartete. Berkay redete ohne Unterlass, es störte ihn anscheinend nicht, dass Haydar nichts zum Gespräch beitrug. Erst als Berkays Frisur fertig war und Haydar laut „şşşt“ sagte, unterbrach er sich.

„Nicht mehr reden“, sagte Haydar. „Ist nicht gut beim Rasieren.“ Er fing an der rechten Wange an und ihm fiel auf, dass er noch nie in so stiller Umgebung gearbeitet hatte. Sonst lief im Hintergrund wenigstens ein Radio. Das machte ihn nervös, ohne dass er den Grund erkennen konnte. Das Rasiermesser kratzte über die Haut auf Berkays Kehlkopf, als Berkay die Hand hob. Haydar hielt in der Bewegung inne und murmelte tonlos: „Was?“

„Emmi, ich platze, wenn ich es dir nicht sage, aber ich habe ein schlechtes Gewissen.“

„Was?“, wiederholte Haydar und sah dabei Berkays Schlagader dick über dem engen Kragen pulsieren.

„Emmi, ich habe gelogen. So ein Gesetz gibt es nicht.“

Haydar schwieg, seine Hand zitterte und mit ihr die Klinge an Berkays Hals.

„Emmi?“ Berkay schluckte und dabei ritzte das Rasiermesser eine unsichtbare Wunde in seine Haut.

Ein winziger Blutstropfen erschien und Haydar schaute gebannt zu. „Du hast geschworen.“

„Tut mir leid, Emmi.“

„Auf das Leben deiner Mutter.“

Für Sekunden herrschte Stille im Raum, bis Berkay erneut schlucken musste und das Messer über stoppelige Barthaare kratzte.

„Emmi, lass mich gehen. Bitte.“

„Ich war noch gar nicht fertig.“

Berkays Stimme brach, als er seine Bitte wiederholte.

Haydar ließ erschrocken das Messer fallen, als wäre sie plötzlich glühend heiß geworden. Fast gleichzeitig bildete sich ein dunkler Fleck auf Berkays Hose und der Geruch von Urin stach in Haydars Nase. Einen endlosen Augenblick lang glichen sie in ihrer Starre leblosen Statuen und in dem nächsten sprintete Berkay zur Tür. Sie war abgeschlossen.

Berkay weinte, als Haydar ihn mit langsamen Schritten erreichte. „Ich mache dir auf, Beko.“

„Danke, Emmi.“

„Beko, ist dir klar, was da grad beinahe passiert ist?“

Berkay nickte.

 „Und ist was passiert, das gegen ein Gesetz verstößt?“

Berkay schüttelte den Kopf.

„Doch. Du wolltest hier raus, ohne zu bezahlen.“ Haydar streckte ihm die offene Hand entgegen; sie zitterte nicht mehr.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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