Claudia Savelsberg

Das Leben kann beschissen sein

Waltraud stand auf dem Bahnsteig und wartete auf den nächsten ICE. Sie hatte keine Handtasche bei sich, auch keine Fahrkarte. Sie wartete auf den nächsten ICE, der ohne Halt vorbeidonnern würde an dem kleinen Bahnhof. Waltraud hatte es sich gut überlegt. So ein Zug konnte nicht einfach zum Halten gebracht werden. Sie müßte sich nur auf die Gleise werfen. Dann wäre es vorbei mit ihrem Leben. Waltraud konnte nicht mehr. Sie wollte auch nicht mehr.

Waltraud ließ ihr Leben Revue passieren. Es war einfach nur beschissen gewesen. Ihr Vater hatte sie geschlagen und jahrelang sexuell mißbraucht. Die Mutter, die von ihm oft krankenhausreif geprügelt wurde, zeigte ihn an und ließ sich scheiden.

Nach dem Realschulabschluß machte Waltraud eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin. Sie war gut in ihrem Job, beliebt bei den Kollegen und den Kunden des Steuerbüros. Auch von ihrem Chef wurde sie sehr geschätzt. Bei einer Weihnachtsfeier versuchte er unter ihren Rock zu greifen. Waltraud kündigte fristlos.

Mit Mitte Zwanzig heiratete sie Mathias, der ein kleines Bauunternehmen hatte. Sie arbeitete halbtags in der Firma und zog ganz nebenbei noch zwei Kinder groß. Waltraud war eine gute Mutter und eine fürsorgliche Ehefrau. Die gelegentlichen Seitensprünge ihrer Mannes ignorierte sie.

Kurz nach der Silberhochzeit, die im Kreis von Bekannten und Freunden groß gefeiert wurde, offfenbarte Mathias ihr, dass er sich scheiden lassen wollte. Er hatte sich in eine Frau verliebt, die vom Alter her seine Tochter hätte sein können.

Waltraud fiel in ein großes schwarzes Loch. Mit ihren fünfzig Jahren fühlte sie sich alt und häßlich. Sie wurde nicht mehr gebraucht, ihr Mann hatte sie einfach gegen eine Jüngere ausgetauscht. Das tat weh. „Das Leben ist beschissen“, dachte sie. Die Kinder versuchten sie zu trösten: „Mutti, Papa hat sich wie ein Arschloch benommen. Vergiß den Kerl einfach. Er ist es nicht wert.“ Das war einfach gesagt; denn Waltraud liebte ihren Mann noch immer. Sie hatte ihn 25 Jahre geliebt.

Sie zog aus dem gemeinsamen Haus aus, nahm sich eine kleine Wohnung und schrieb Bewerbungen, die leider erfolglos blieben. Mit ihren fünfzig Jahren war sie einfach zu alt, auf dem Arbeitsmarkt ausgemustert. Auch ihr Mann hatte sie nach 25 Jahren einfach ausgemustert. „Das Leben ist beschissen“, dachte Waltraud.

Sie litt unter der Enttäuschung und der Einsamkeit, bekam Depressionen und begann zu trinken. Sie zog die Notbremse und suchte fachliche Hilfe bei einer Therapeutin. Nach einem Jahr ging es ihr wieder besser, es schien in ihrem Leben bergauf zu gehen. Wenn auch nur in kleinen Schritten. Aber immerhin waren es Schritte. „Vielleicht werde ich auch noch einmal Glück haben in diesem beschissenen Leben“, dachte Waltraud.

Dann lernte sie Thomas kennen. Er war geschieden, seine Frau hatte ihn kurz nach der Silberhochzeit verlassen und auch noch sein Konto abgeräumt. Sie verliebten sich, und aus der Verliebtheit wurde Liebe. Thomas fragte Waltraud, ob sie zu ihm ziehen wollte und machte ihr sogar einen Heiratsantrag. Waltraud war überglücklich und freute sich wie ein Kind auf die gemeinsame Zukunft. „Vielleicht werde ich doch noch einmal Glück haben in diesem beschissenen Leben“, dachte sie immer wieder.

Dann geschah der Unfall. Thomas stand auf der Autobahn am Ende eines Staus, und ein LKW raste ungebremst in sein Auto. Er hatte keine Chance. Als Waltraud die Nachricht bekam, war sie erstarrt. Sie konnte nicht weinen, sie konnte nicht schreien. Es herrschte eine große Leere. Ihr Leben war einfach beschissen. Warum durfte sie nicht einmal ein bißchen Glück haben?

Waltraud trauerte lange um Thomas, den sie wirklich geliebt hatte. Dann erfuhr sie duch Zufall, dass ihr geschiedener Mann seine Freundin geheiratet hatte. Mittlerweile hatten sie einen Sohn zusammen. Auch das tat ihr weh. Sie wußte, dass er ein Recht auf sein eigenes Leben hatte, aber sie fragte sich, warum er wieder ein Glück gefunden hatte, während sie einsam und allein war. Es war wirklich ein beschissenes Leben.

Zwei Jahre nach dem Tod von Thomas lernte Waltraud Gregor kennen. Er war nett, höflich und zuvorkommend. Er schenkte ihr Blumen, brachte sie zum Lachen. Sie hatten viele Gemeinsamkeiten in ihrer Lebenseinstellung und konnten über alles reden.

Gregor sagte, dass er sich in sie verliebt hätte und sich eine Beziehung mit ihr wünschte. Waltraud war glücklich. Aber die schlechten Erinnerungen an ihr Leben holten sie ein. Konnte es tatsächlich sein, dass sie wirklich noch einmal Glück haben sollte? Sie warf alle Zweifel über Bord und ließ sich auf Gregor ein. Nach drei Monaten war das Glück zu Ende, Gregor hatte in ihr nur eine kleine Affaire gesehen. Waltraud fiel wieder in ein großes schwarzes Loch. Schon wieder eine Enttäuschung, schon wieder Einsamkeit. „Das Leben ist beschissen“, dachte sie.

In der Ferne hörte Waltraud den ICE, und dann sah sie die silberne Schnauze. Der Zug raste auf den kleinen Bahnhof zu. Sie trat einen Schritt auf dem Bahnsteig zurück und ballte die Fäuste in ihrer Jackentasche. „Das Leben ist beschissen“, dachte sie. Aber nicht heute. Sie würde diesem Leben noch eine Chance geben. Sie würde weiter kämpfen. Auch morgen würde noch ein ICE am kleinen Bahnhof vorbeidonnern.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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