Klaus Mattes

Frank und die Brüste der Frauen / 7484

Sich auf Reisen vom Anblick stillender Mütter tangiert und belästigt zu fühlen, kann ich zum Beispiel in den Fällen jener schwuler Doppelverdiener-Haushalte schwerlich nachvollziehen, die sich in ihrem ästhetischen Geschmacksempfinden nicht betroffen vorkommen, wenn stoppelige Kinne unter den Augen ihrer heterosexuellen Mitreisenden sich feucht umzüngeln. Zwar finde ich es nicht ganz stimmig, wenn im Biergarten die jungen Mütterlichen ihre Busen aus den Hüllen zerren und sie von einer pausbackigen Heulboje bezutzeln lassen, während anderswo junge Damen es für sexistisch halten, wenn durchs dünne T-Shirt ihr vom BH nicht gefesselter Busen von Kerlen begeiert, taxiert oder verspottet wird. Mich jedenfalls ziehen weibliche Brüste nicht wesentlich an, hin und wieder locken sie allenfalls zart. Dabei bleibt mir ein gewisser Frank in Erinnerung, der für die weibliche Brust das Wort „Euter“ witzig, wenn nicht sogar befreiend fand.

Frank ist einige Jährchen jünger als ich. Er war schon eine Ewigkeit an Jahren arbeitslos, als wir uns im Zuge einer dieser Maßnahmen, die der „Aktivierung“ dienen, über den Weg liefen. Frank sehe ich heute noch in der Stadt, meist, wenn er ein oder zwei Tragetaschen dabei hat und in eine Bahn ein- oder aus ihr aussteigt, um sich mehr oder weniger unauffällig den Abfallbehältern zuzugesellen. Frank streckt seine bescheidenen Einkünfte mit den Erlösen aus Dosenpfand und PET-Flaschen. Das tat er damals auch, als wir in jener Maßnahme waren. Ich selbst, der es seinerzeit ebenso tat, hatte es für die Dauer der Maßnahme eingestellt, eben weil ich die Befürchtung hegte, von dem einen oder anderen Kurskollegen unvermerkt beobachtet und auf mein Flaschensammeln im Kurs mal angesprochen zu werden. Auch Frank schaute immer ganz schnell weg und verkrümelte sich, wenn er mich in der Bahn erst bemerkt hatte, nachdem er die Deckel schon gehoben und fallen gelassen hatte. Inzwischen, nach Jahren, während denen ich in mehr als einer Stellung gearbeitet habe, er wohl eher nicht, nicken wir uns manchmal noch zu, wenn wir uns sehen, meistens jedoch nicht. Sein Recht, sich fremd geworden zu sein, muss man sich eines Tages dann auch wieder erworben haben.

Ich weiß nicht mehr, was sein Beruf ursprünglich gewesen ist. Als er im Zuge der Maßnahme einen Plan zu entwerfen hatte, wie er sich seine Zukunft vorstellt, schaffte er es, für mich unbegreiflich, ohne jeden Widerspruch seitens Leitung oder aus der Kollegenrunde damit durchzukommen, er visiere den Neustart in einer Selbstständigkeit an. Er wollte ein kleines Reisebüro aufziehen, mit ihm selbst als einzigem Beschäftigten.

Mehrfach, das ist keine Übertreibung oder Ausschmückung und geschah auch nicht im informellen Bereich einer Pause, sondern mitten im Unterrichtsgeschehen, bezog Frank sich mit dem Terminus „Euter“ auf die weibliche Brust. Bei der anwesenden holden Weiblichkeit und auch von Seiten der Leitung löste diese Wortwahl selbstverständlich jedes Mal promptes Entsetzen aus. Allerdings kam mir dieses Entsetzen wie eine Pflichtübung vor, die man abzuhaken hätte, da die Unverletzlichkeit der Frauen gegen die Überheblichkeit der Männer doch wohl zu schützen wäre. Wirklich bewegt oder gar wütend wurde nie jemand, weil alle schon verstanden hatten, dass es sich bei Frank halt um einen lummeligen Tropf handelte.

Frank könnte in Wahrheit, also in dem, was er nicht mal sich selber zugibt, schwul sein. Sowieso könnte er auch pädophil sein und jede sich leicht erhebende Brust wäre ihm ein Grabstein auf seinem Glauben an die Romantik der Liebe. Er könnte überhaupt alles sein. Jedoch würde ich die Wette halten, letztlich ist Frank dann doch nichts, weil alles irgendwie eine Nummer zu groß für ihn werden kann. Die Anstrengungen, zu denen es ihn nötigen würde, wären desaströser als die Freuden, die er gewänne.

Frank ist pummelig, schließlich ist er verfressen und vertilgt in den Pausen Viertelpfund-Portionen Wurst, frisch aufgeschnitten in der benachbarten Metzgerei. Franks Gesicht ist zwar sehr unmännlich, aber überhaupt nicht feminin, eher ist es leer, ohne Merkmale also. In der Maßnahme spielte er auf seinen Status als Behinderter an, er wäre schwerer Diabetiker. Trotz alledem verging nicht ein Kurstag, ohne dass er sich Wurst und frische Brötchen besorgte und mit Heißhunger aus der Tüte fraß. In der mir eigenen neugierigen und unverblümten Art setzte ich ihm zu, wie er sich als Hartzer den Lebensstandard mit Brötchen und Fleischwaren vom Innungsbetrieb leisten könne. Natürlich erhielt ich keine Antwort.

Wir müssen uns klarmachen, dass Frank den vierzigsten Geburtstag schon hinter sich hatte und immer noch unverheiratet war. Unverheiratet und nicht geschieden! Wohl darum fühlte er sich im Kurs als Einziger bemüßigt, gelegentlich den Macker und Hasen-Juroren herauszuhängen. Nie klang das wirklich geifrig oder lüstern, sondern jedes Mal wie ein Junge, ein Zwölfjähriger, der sich was bei den Stärkeren abgeschaut hat.

Wie ich hatte Frank weder Auto noch Führerschein, konnte aber offenkundig billig mit den Bussen und Bahnen durch die Gegend kreuzen. Er trug fast immer Sportschuhe, Markenware, aber dezent, und Sweatshirts, aber kaum einmal eine Jacke. Die Sweatshirts schienen nach Vorerfahrungen gleich schon in Übergröße gekauft worden zu sein. Sie labberten und manchmal schienen sie unsauber zu sein, was am Hantieren mit Flaschen und auslaufenden Dosen liegen mochte. Abgesehen davon, dass es in den Maßnahmen immer und bei jedem Teilnehmer so war, wunderte mich bei Frank überhaupt nicht, dass ich mich nicht erinnern konnte, ihn vorher jemals irgendwo erblickt zu haben, zum Beispiel im Arbeitsamt. Wie gesagt, sehe ich ihn seitdem, seit Jahren, alle paar Wochen. Es ist wohl so, dass Frank einer von denen ist, die man einfach nicht sehen möchte. Die Software im Gehirn entfernt diese Leute aus dem Bild.

Frank ist ein Schlumpf, ein Schlaffi, ein Schluffi, den es weder zu langweilen noch zu quälen scheint, sich Jahr um Jahr im selben einsamen und ereignisarmen Leben aufzuhalten. Auf die Pädophilenidee bin ich gekommen, weil er mir wie ein steckengebliebener Präpubertärer vorgekommen war, der, wenn er jemals sich besinnen könnte, was er ehrlich will, darauf käme, es freundlicherweise aber unterlässt. Als einen Nerd kann man Frank nicht bezeichnen, denn ein Nerd lernt alte Fahrpläne auswendig und wechselt seinen Prozessor aus. Versucht man vor diesem Hintergrund, Frank als einen Zwölfjährigen zu denken, der er auch schon gewesen ist, dann erschrickt man. Auch als Zwölfjähriger ist Frank reizlos, vergreift sich immer wieder im Ton und glänzt durch flinkes Wegducken.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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