Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 8)

Obwohl sie mich weit in die Vergangenheit zurückführte, vermochte sie den eigentlichen Ursprung, die »Saat dieses Alptraums«, wie sie es nannte, nicht mehr konkret zu datieren. Es hätte so früh begonnen, dass sie keine Erinnerung mehr an den Beginn oder seine Einzelheiten hatte, und hätte sich so nahtlos in ihr Leben geschlichen, dass es über die Jahre praktisch zu einem festen Bestandteil von ebendiesem geworden wäre. »Ich schätze, Gewohnheit macht selbst das Unnatürlichste irgendwann natürlich«, lautete ihr Erklärungsversuch dazu.

Besagtes Leben führte sie zu jener Zeit noch in Bay City, Michigan. Ihre Familie besaß ein Haus in den nördlichen Ausläufern der Stadt, in der Nähe der Tobico Marsh Nature Area – ein abgelegenes, verwildertes Areal voller Wälder und Wanderwegen, das für Leila in Zukunft noch von Bedeutung werden sollte. Ihr Zuhause lag auf einem großen Grundstück mit üppigem Vorgarten und noch größerem Hintergarten, besaß einen Werkstattschuppen, einen Unterstand für Brennholz und eine alleinstehende Garage. Die Rückseite des Geländes grenzte an einen kleinen Wald.

Obwohl sie zu jener Zeit erst fünf oder sechs Jahre alt war, vermochte Leila sich noch ausgesprochen detailgetreu an ihr damaliges Zimmer zu erinnern. Schäbige Tapeten mit Entenmotiven, vergilbte weiße Vorhänge, die nie gänzlich richtig hingen, ein großes Bett mit viel zu weicher Matratze und fransige Bettbezüge, die stets größer waren als das Innenfutter und mit ihren überstehenden Enden ein unwohles Kribbeln in Leila auslösten, wann immer sie sie mit ihren Füßen oder Händen streifte. Ein Nachtlicht mit Donald Duck-Motiv und ein Kleiderschrank aus rotlackiertem Metall. An den Wänden hatte Leila mit Reißzwecken selbstgemalte Bilder aufgehangen, von Bäumen und Blumen und ihrem Zuhause. »Welche von der Sorte, in der die Wolken mit blauen Wachsmalern ausgekritzelt sind und eine lächelnde Sonne oben in der linken Ecke prangt«, sagte sie, und obwohl sie ihren damaligen Malstil ins Lächerliche zog, sollte mir später klarwerden, dass er gleichermaßen ihre ersten Fluchtversuche darstellte. Mit diesen Bildern wollte sie sich fortdenken in eine andere Welt, wo alles bunt und schön und friedlich war. Nicht so, wie in ihrem Zimmer. Nicht so, wie bei ihr zuhause.

Am deutlichsten erinnerte sie sich an ihren unregelmäßigen Schlaf. Oft wachte sie mitten in der Nacht auf und sah dabei aus dem Fenster, weil ihr Bett direkt daneben stand und sie meistens auf der Seite lag, mit dem Rücken zur Tür. Dann wanderte ihr Blick vorbei an den Umrissen des Schuppens und des Unterstands und direkt in den Wald – jenen Wald, so betonte sie, vor dem sie eine unbegreifliche, ihr zu damaliger Zeit nicht gänzlich nachvollziehbare Angst hegte. So stark, dass sie Schnappatmung und Schweißausbrüche bekam. Oft bildete sie sich ein, jemand stände am Rand des Unterholzes und starre ihr direkt ins Gesicht, als würde er den Arm heben und mit dem Finger auf sie zeigen. Sie verkroch sich jedes Mal unter der Bettdecke und kniff die Augen zu, bis jener kurzweilige Angstzustand wieder verschwand und sich ihr Herzschlag normalisierte.

Sie meinte zu glauben, dass sich diese Vorfälle über mehrere Monate hinweg zogen, bis sie schließlich den Mut aufbrachte, aus ihrem Bett zu steigen und das sichere Schlafzimmer ihrer Eltern aufzusuchen. Und dort kam es bei ihrem erstmaligen Besuch zu dem Erlebnis, an welches sie sich aus jenem Lebensabschnitt noch heute in aller Deutlichkeit erinnerte.

Ihre Eltern waren von unscheinbarer Natur. Normale Mittelständige mit einem Eigenheim und zwei hübschen Autos, mit einem Fünf-Zimmer-Haus und gepflegten Tulpen auf der Veranda. Keine regelmäßigen Kirchenbesucher, aber gläubig. Ihr Vater kam aus einer großen Familie, war das Dritte von vier Kindern, und verdiente seinen Lebensunterhalt als Vorarbeiter in einer Holzfabrik der Stadt, während ihre Mutter sich um den Haushalt kümmerte. Zwar unternahmen sie nicht viel mit Leila, doch meinte sie diesen Umstand nicht unangenehm in Erinnerung zu haben; schon früh hatte sie ihre Zeit am liebsten allein verbracht. Es gab regelmäßige Barbecues mit der Familie oder Zusammenkünfte, um gemeinsam Sportspiele zu schauen; häufig kamen dazu ihre drei Onkel und ihre Großeltern vorbei. Eine klassische, fast perfekte Idylle, zumindest für Außenstehende. Und diesen Anschein sollte es womöglich auch erwecken.

In jener Nacht, als Leila dort im Türrahmen stand und Mondlicht durch das Fenster fiel, sah sie ihren Vater auf ihrer Mutter hocken, und wie er ihr immer und immer wieder die Faust ins Gesicht schlug. Es war ein so seltsamer Anblick, ein so krudes, surreales Bild, das sie sich noch in späteren Jahren einredete, es vielleicht nur geträumt zu haben – auch wenn sie im Inneren wusste, dass es nicht so war. Ihr damaliger Verstand wollte das Gesehene nicht in Einklang mit der Realität bringen, konnte es nicht nachvollziehen oder verstehen. Sie wusste von dem »Akt«, den Erwachsene miteinander machten und von dem sie sich sicher war, dass daraus Kinder entstanden, aber sie hatte noch kein Verständnis davon, wie genau dieser Akt vonstattenging oder worauf es dabei ankam. Und obwohl ein innerer Teil von ihr wusste, dass etwas nicht richtig war an dem, was ihre Eltern dort taten, redete sie sich trotzdem ein, dass dieses Geschehen wohl zu dem »Akt« gehörte. Außerdem wollte sie nicht wieder zurück, zurück über den schwarzen langen Flur und in ihr Zimmer mit dem Mann am Waldesrand. So legte sie sich neben ihre Eltern. Stumm bezeugte sie das Stöhnen und Wehklagen und Flehen ihrer Mutter und schlief unterm Klang knirschender Faustschläge ein. Oft mischte sich danach – oder manchmal noch währenddessen – ein Schnaufen und Keuchen mit dazu, das von beiden ihrer Eltern ausging, und manchmal konnte Leila einen Blick darauf erhaschen, wie sie sich seltsam rhythmisch und zuckend bewegten. Dabei sah sie immer wieder die Faust ihres Vaters aufblitzen, wie das Restbild eines Traumes, das vor ihren Augen verblasste. Wenn er ihre Anwesenheit bemerkte, so kümmerte es ihn nicht – weder in dieser Nacht, noch in den darauffolgenden.

»Mir war zu jenem Zeitpunkt noch nicht klar, wie er tickte«, sagte Leila. »Zu welcher Sorte Mensch er gehörte oder welchen Schaden … welchen Schaden er mir und meiner Mutter antat.«

Es blieb kein Einzelfall, sondern geschah sehr häufig, wenn sie sich zu ihren Eltern ins Bett stahl. Manchmal wachte sie am nächsten Morgen auf und hatte Blutspritzer im Gesicht, und die Bettlaken waren klamm und rochen nach Schweiß und Eisen. Schon vorher hatte ihre Mutter häufig Verletzungen im Gesicht gehabt, doch auf Leilas Fragen hatte sie immer geantwortet, sie sei eben sehr ungeschickt und wackelig auf den Beinen. Nun wusste Leila, dass ihre Mutter womöglich log, und das fand ihr fünfjähriges Ich damals am allerschlimmsten. Man log nicht. Ihre eigene Mutter hatte ihr das gesagt, und nun war ausgerechnet sie es, die schwindelte? Leila hielt ihr das vor, als sie einmal gemeinsam bei Tisch saßen, und als ihre Mutter daraufhin in Tränen ausbrach, fühlte Leila sich so scheußlich, dass sie es gleich darauf ebenso tat. Sie hatte ihre Mutter nicht zum Weinen bringen wollen.

Wann genau ihre Schlafprobleme endeten und sie damit aufhörte, zu ihren Eltern ins Bett zu flüchten, wusste sie nicht mehr; die Erinnerungen an ihre Vorschulzeit waren ein wirres, verschwommenes Konglomerat ohne feste Substanz oder eindeutige Zuordnung; es mochte genauso gut weit davor oder weit danach geschehen sein. Eine Weile blieb es – und das mochte wohl in mehr als einer Hinsicht zutreffen – »ruhig und friedlich«.

»Ich erfuhr erst viele Jahre später, dass mein Vater sich in dieser Zeit auf andere Frauen einließ«, sagte Leila. »Offenbar genügte ihm nicht mehr, was er zuhause bekam; ich hörte immer öfter Geschrei aus dem Schlafzimmer. Also suchte er sich andere Opfer, um Druck abzulassen. Es war meine Mutter, die mir das später sagte und es auch schon zu diesem Zeitpunkt wusste. Sie hatte jedoch nie den Mumm, ihn wegen irgendwas zu konfrontieren. Das sollte ich schon sehr bald am eigenen Leib erfahren.«

Sie kam in die erste Klasse, und ab da wurden ihre Erinnerungen weniger trüb, weniger vage – alles nahm klarere Formen an und sie verstand allmählich, was geschah, genauso wie sie allmählich Lesen und Schreiben und Rechnen begriff. Sie war eine aufgeweckte Schülerin, beteiligte sich fleißig am Unterricht und hatte Spaß am Lernen, zumindest bei ihrer Lieblingslehrerin Miss Coggins. Miss Coggins unterrichtete Englisch und Kunst und bestärkte Leila in ihrer Kreativität. Zuhause malte sie jetzt noch mehr Bilder und ersetzte sie mit den alten, um auch ihr Zimmer an den Wandel der Zeit anzupassen.

Eines Tages holte ihr Vater sie von der Schule ab, und als sie ihm voller Stolz ein Bild aus Wassermalfarben zeigte, für das sie eine Eins bekommen hatte, drückte er sie an sich und küsste sie auf die Schläfe. Danach lösten sie sich wieder voneinander, als sie feststellte, dass seine Hand – groß und kräftig und rau von der Fabrikarbeit – weiterhin auf ihrem Oberschenkel ruhte. Dieser Augenblick war ihr wie ein Standbild in Erinnerung geblieben. Sie hatte noch exakt vor Augen, wie die Sonne ins Auto geschienen hatte und wie der Duft von warmem Gras durchs offene Fenster hereingeweht war und an ihrer Nase gekitzelt hatte, sodass sie darum bemüht gewesen war, ein Niesen zu unterdrücken. Seine viel zu große Hand hatte ihren viel zu dünnen, viel zu zierlichen Oberschenkel zu massieren begonnen und war an ihrem Bein hinaufgestrichen, bis unter den Saum ihres marineblauen Kleidchens.

»Du bist ein gutes Mädchen«, hatte er gesagt. »Ein braves Mädchen. Daddy wird dich belohnen, okay?«

Danach waren sie losgefahren und hatten einen abgelegenen Waldweg aufgesucht. Die Schnelligkeit des Geschehens, die unverhoffte Sinneswandlung ihres Vaters, hatten Leila mehr überrumpelt als der Akt selbst. Es hatte lange gedauert, aber weder hatte sie sich gewehrt, noch hatte sie geweint. Still hatte sie es über sich ergehen lassen, mehr verwirrt als verängstigt, und aus dem Fenster geschaut, hinein ins grüne, von Tieren und Insekten belebte Unterholz, und sich fortgedacht. Weit fort. Ihre Finger hatten sich um das Bild gekrallt, das sie ihm zuvor überglücklich gezeigt und im Unterricht noch überglücklicher gemalt hatte, bis dieses nur noch ein schweißnasser, weicher Knäul gewesen war.

Von da an begann jene Reise, die Leilas als »Weg bergab« bezeichnete. Denn das, was ihr Vater an jenem frühen Sommernachmittag begann, formte sich schon bald zu einem Ritual, das sich bis in die dritte Klasse fortsetzen sollte. Aufgrund seiner Arbeitszeiten konnte er sie nicht häufig von der Schule abholen, doch jedes Mal, wenn er es tat und Leila zu ihm ins Auto stieg, hoffte sie darauf, dass sie am Waldweg vorbeifahren würden, den er für ihr »Ritual« ausgewählt hatte. Es geschah jedoch nicht häufig. Sie wusste noch haargenau, wie sie jedes Mal seine Handbewegungen beobachtete, sobald sie sich dem Weg näherten, und wie sich ein kalter, schwerer Brocken aus Eis in ihren Magen legte, wenn er den Blinker tatsächlich betätigte und das Lenkrad drehte. »Du bist ein braves Mädchen«, war einer der Sätze, den er dabei immer wieder von sich ließ und der sich ihr bis heute ins Hirn gebrannt hatte. »Daddy will dich nur belohnen.«

»Du ahnst gar nicht, wie häufig er mich ›belohnt‹ hat«, sagte sie, mit einem verbitterten Lächeln in der Stimme, das kaum in der Lage war, ihre Tränen zu überspielen. »Ich war damals wirklich so dumm zu glauben, es läge an meiner Schulleistung, dass er so mit mir umging. Ich begann, absichtlich schlechte Noten zu schreiben, damit er keinen Anlass mehr hatte, mich zu ›belohnen‹. Ich begann zu simulieren, dass es mir nicht gut ginge, damit ich gar nicht erst in die Schule musste. Nichts davon änderte etwas. Wenn ich eine Fünf schrieb, ›tröstete‹ er mich, und wenn ich scheinbar krank im Bett lag, kam er bei geeigneter Gelegenheit zu mir, um mich ›gesund zu machen‹. Ich kam dort nicht raus.«

»Deine Mutter muss doch etwas gemerkt haben«, sagte ich. »Oder nicht?«

Sofort schwang ihre Tonlage von verbittert auf wütend um. »Und wie sie es gemerkt hat.«

Eines Abends konnte Leila ihre Eltern bei einem weiteren Streit belauschen. An jenem Tag hatte sie sich erneut vor der Schule gedrückt, und ihr Vater hatte sie am Vormittag »gesund gemacht«. Sie konnte sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, den sie belauscht hatte, und fasste ihn deshalb eher inhaltlich als wortgetreu zusammen, doch woran sie sich erinnern konnte, war die Tonlage, mit der ihr Vater sprach.

»Es ist nicht das erste Mal«, hörte sie ihn in mit einer Stimme sagen, die sie heute als genugtuend, beinahe schon schadenfroh, bezeichnen würde. »Bei weitem nicht, Liebes. Und das weißt du.«

»Du benutzt das arme Ding«, erwiderte ihre Mutter – nicht verheult, wie Leila glaubte, sondern erzürnt. »Ist das der Grund, weshalb du sie behalten wolltest? Um mich mit ihr erpressen zu können, sobald du deinen Willen nicht bekommst? Sobald ich nicht mehr will? Du wusstest, dass ich nie Kinder wollte. Dass wir beide keine Kinder wollten. Und dennoch ist sie hier.«

In diesem Moment kam etwas in ihr hoch. Sie war erst sieben Jahre alt, und nicht alle Worte dieses Gesprächs ergaben für sie einen Sinn, doch setzte ihr kleiner, mitgenommener Verstand die Puzzleteile zusammen, die nötig waren, um eine bestimmte Sache zu verstehen: Sie war nicht erwünscht. Sie war an einen Ort gestrandet, an dem man sie nur behielt, weil es keine andere Möglichkeit mehr gab. Ein einzelnes kleines Blatt, das den Halt und die Sicherheit seiner Blüte verloren hatte und nun einsam durch die Welt wehte. Das war das erste, was sie – oder zumindest ein unterschwelliger, frühgereifter Teil von ihr – begriff. Das zweite war, dass ihre Mutter Bescheid wusste. Sie wusste, was geschah, doch sie schaute weg. Sie tolerierte es. Als Leila mir diesen Part erzählte, versagte ihr erstmals die komplette Stimme, und ich wusste, dass diese Einsicht bisher sehr tief in ihr, in den verborgensten Winkeln ihres Unterbewusstseins, geschlummert hatte, still und pochend wie ein unentdeckter Tumor, und dass sie diese Einsicht heute erstmals, nach so vielen Jahren, an die Oberfläche geholt hatte.

»Ich hatte das Gefühl, plötzlich ganz allein auf dieser Welt zu sein«, schluchzte sie, und es tat weh, sie weinen zu hören. »Das war noch schlimmer als alles andere, als alles, was mein Vater mir bis dahin angetan hatte. Zu wissen, dass es dort niemanden gab, an den man sich wenden konnte. Zu wissen, dass ich meiner Mutter praktisch noch egaler war als ihm

Noch in derselben Nacht schlich sie sich aus dem Haus und rannte in den Wald. Sie wusste nicht, warum sie es tat – nicht der kindliche, siebenjährige Teil von ihr –, doch in Pantoffeln und Schlafanzug stahl sie sich durchs Unterholz, bis sie kaum noch die eigene Hand vor Augen sehen konnte, und dann weiter durch den kompletten Wald und bis an einen überwucherten Stacheldraht, den sie ebenso mit ein paar Kratzern an Armen und Händen überwand. Dann fand sie sich auf einer verwilderten, von hohen Sträuchern und Halmen bevölkerten Wiese wieder – einem äußeren Teil der Tobico Marsh Nature Area. Und auch wenn sie ihre Erinnerung an das darauffolgende womöglich »romantisiert« hatte, so war sie sich bis heute sicher, in diesem Moment ein seltsames Gefühl der inneren Ruhe verspürt zu haben. Sie stapfte weiter durch die hohen Gräser, spürte den seichten, schwammartigen Druck des durchweichten Bodens unter ihren Pantoffeln, ließ ihre Hände über Halme und Blätter streichen und genoss das Schaudern, das es ihr bereitete. Die Welt lag ruhig da und war im Einklang mit sich selbst. Auf einmal schien die Nacht friedlich.

Nach einer Weile blieb sie stehen und streifte sich die Pantoffeln ab. Dann zog sie sich komplett aus und legte sich auf den feuchten, erdigen Boden, um in den Himmel hinaufschauen zu können. Grillen zirpten um sie herum, Mücken schwirrten um ihren Kopf und stachen sie, Käfer krabbelten über ihre Haut und in ihr Haar. Es war ihr nicht unangenehm. Das Kribbeln und Stechen fühlte sich gut an, wohlig, so als wären ihr Schweiß und Blut der Nektar, um bei diesen Tierchen angenommen zu werden. Hier war sie willkommen. Hier war sie mehr zuhause als daheim. Und so, wie ihr damaliger Besuch im Schlafzimmer ihrer Eltern nicht der erste gewesen war, so sollte auch dieser nicht der einzige in die nächtliche, einsame Natur sein.

Mit diesem Ritual begann sie dem ihres Vaters entgegenzuwirken.

»Und dann …« Doch es trat eine lange Pause ein, ehe sie fortfuhr. Mir war klar, dass sie das Erlebte jetzt deutlich vor Augen hatte, es praktisch ein zweites Mal durchlebte, und ihr Zögern verriet, dass wir eine weitere Hemmschwelle erreicht hatten, die sie überwinden musste.

»Und dann wurde alles noch schlimmer«, sagte Leila.

Dass sich ihr Verhalten änderte, blieb nicht unbemerkt. Weder vor ihren Eltern (denen es aber offenbar egal war), noch in der Schule. In der Nacht begann sie sich nun immer häufiger davonzustehlen, um bei ihrem neuem, ihrem wahren »Zuhause« zu sein, weshalb sie am nächsten Morgen oft übermüdet war und in der Schule einschlief. Ihre sowieso schon schlechten Noten, die sie willentlich herbeigeführt hatte, verschlechterten sich noch mehr, im Sportunterricht mied sie zunehmend den Kontakt mit Jungen und beim Fangenspielen auf dem Schulhof wollte sie sich nicht von ihnen verfolgen, geschweige denn überhaupt anfassen lassen. Sie schottete sich mehr und mehr ab, bis sie sich am Ende eigenständig zur stummen, vergessenen Zuschauerin degradiert hatte und niemand sie mehr beachtete. Die wenigen Mädchen, zu denen sie seichten Kontakt aufgebaut hatte, begannen sie aufgrund ihrer stillen, verschlossenen Art zu meiden. Leilas Reaktion darauf war sowohl sehr eigen, als auch intuitiv: Sie wartete, bis sich Fliegen auf ihr Pausenbrot setzten, schloss die Plastikdose und verstaute sie für Tage in den Untiefen ihres Ranzens. Nach ein oder zwei Wochen holte sie die Dose dann hervor und klappte sie auf, um das vergammelte Brot in Augenschein zu nehmen und die Maden zu streicheln, die sich gebildet hatten. Das tat sie während der Pause, derweil andere Mitschüler um sie herum tollten und spielten.

Es war nicht die einzige Reaktion dieser Art. Wenn sie kein Essen dabeihatte oder der Verwesungszustand noch nicht fortgeschritten genug war, suchte sie im Rasen oder auf dem Parkplatz nach Insekten – oftmals steckte sie diese dann in eine leere Dose, um sie den ganzen Tag über mit sich herumschleppen zu können. Wenn es geregnet hatte, durchwühlte sie die Erde auf dem Spielplatz mit ihren bloßen Händen nach Regenwürmern, oder sie durchgrub die Abfallreste in den Mülltonnen. Zuhause sammelte sie Fliegen und Käfer in einem Glas oder erkundete Schuppen, Holzunterstand und Garage nach dicken Spinnen und Kellerasseln, manchmal sogar auf allen vieren, um in jede Ecke lugen zu können. Während man ihre Unternehmungen daheim womöglich nicht einmal bemerkte (und selbst wenn, schienen sie von ihren Eltern wahrscheinlich nur als Spieltrieb abgetan zu werden), sah es an der Schule anders aus: Ihr sonderbares Verhalten – sowie die Kratzer und Mückenstiche an ihren Gliedern und im Gesicht – brachten ihr bald immer mehr verwundernde, fragende und angewiderte Blicke ein … und das natürlich nicht nur von ihren Mitschülern. Als Miss Coggins sie einmal nach dem Unterricht beiseite nahm, um sie nicht nur wegen dieser Dinge zur Rede zu stellen, sondern auch wegen ihres häufigen Fehlens und ihrer andauernden Müdigkeit, hörte Leila jedoch kaum zu; sobald ihr Fragen entgegenwehten, zuckte sie nur mit den Schultern. An eine dieser Fragen vermochte sie sich jedoch dennoch zu erinnern, genauso wie an die ernste Stimme, mit der Miss Coggins diese Frage stellte:

»Warum malst du auf einmal solche Bilder, meine Liebe?«

Miss Coggins reichte ihr eine Zeichnung, die Leila während des Unterrichts angefertigt hatte. Darauf waren schwarze Käfer zu sehen, purpurrote Mücken und Blutegel. Auf einem zweiten Blatt von der Woche davor hatte sie eine Strichfigur mit langem schwarzem Haar gemalt, die zwischen üppigem braunem Schilfrohr in einem Tümpel trieb; der Himmel war dunkel und mit gelben Sternen gepunktet, und überall um die Figur herum schwammen lange, schattenhafte Würmer. Auf einem dritten Bild – und das verschaffte ihr noch heute einen kleinen Schauder – war eine Gestalt zu sehen, die zwischen Bäumen und Büschen stand und den Betrachter mit schwarzen Augen anstarrte.

»Was hat das zu bedeuten, Leila?«, fragte Miss Coggins.

Und Leila antwortete wahrheitsgemäß: »Das ist mein Zuhause.«

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten. Miss Coggins stattete ihren Eltern einen Besuch ab, und Leila erinnerte sich daran, dass sie währenddessen auf ihrem Zimmer gehockt und die Fliegen in ihrem Einmachglas beobachtet hatte. Still und verträumt, während die Sonne durch die vergilbten klammen Vorhänge hereingeschienen hatte. Sie hatte nie erfahren, was bei diesem Gespräch ausgetauscht worden war. Wie ihre Eltern sich rausgeredet hatten. Rückblickend fragte sie sich, warum sie zu diesem Zeitpunkt nicht einfach abgehauen war, nach unten gerannt war, um die Wahrheit herauszuschreien und allem ein Ende zu setzen. Hätte sie es getan, hätte sie sich die schlimmsten ihrer heutigen Erinnerungen womöglich erspart.

»Jetzt hatte mein Vater einen neuen Vorwand«, sagte Leila. »Doch statt ›belohnen‹ war es nun das genaue Gegenteil. Nun kam er zu mir, um mich zu ›bestrafen‹.«

Es geschah noch am helllichten Tag, keine fünf Minuten, nachdem Miss Coggins wieder aufgebrochen war. Leila hörte die Schritte ihres Vaters auf der Treppe und setzte sich im Bett auf, und als er die Tür aufstieß, erhaschte sie erstmals einen Blick auf ihn. Ohne Scharade, ohne aufgesetzte Maske. Schnaufend, mit geballten Fäusten und wutverzerrtem Gesicht, stand er in der Tür und starrte sie an, und allein sein glühender, tödlicher Blick, lähmte sie.

An diesem Punkt machte Leila eine sehr lange Pause.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sie nie geschlagen – zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern, dass er es getan hatte –, und als er auf sie zukam und sie in den Magen boxte, kollidierte vielmehr etwas in ihrem Kopf, statt in ihrem Bauch, und ein Teil ihrer Gedanken setzte voller Unglauben aus. Er schleuderte sie aufs Bett und drehte sie auf den Bauch, und während er ihre strampelnde, schreiende Gestalt unter sich festdrückte, riss er den fransigen Bezug ihres Kissens vom Innenfutter und zog ihn ihr über den Kopf. Danach presste er ihr Gesicht in die Matratze und »bestrafte« sie. Über eine Stunde. Noch nie hatte sie derartige Panik verspürt wie in diesem Zeitraum. Schlimmer als alles andere, war es die Todesangst, die sie erstmals in ihrem Leben verspürte, die blanke, kompromisslose und kalte Gewissheit, dass sie ersticken würde, dass sie vor der Endgültigkeit des Todes nicht gefeit und der Tod als solcher real war, greifbar, und auch bei ihr keine Ausnahme machen würde. Sie erinnerte sich an die Hitze und ihre verzweifelten Versuche, nach Luft zu schnappen. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater den Bezug immer strammer um ihren Kopf zog und ihr Gesicht immer fester ins Kissen drückte, nur um den Druck dann kurz vor ihrer Ohnmacht wieder zu lockern. Sie erinnerte sich an die weißen und grünen Punkte, die immer mehr vor ihre Augen tanzten, an den salzigen Geschmack ihrer Tränen und ihres Schweißes auf den Lippen und an die zunehmende Dunkelheit, die ihr Sichtfeld umkränzte. »Todesvignette«, nannte sie es und betonte das Wort genauso nüchtern, wie sie diesen Teil ihrer Geschichte präsentierte. Sie ratterte es mit beinahe distanzierter Klarheit herunter.

Als es vorbei war, lag sie zusammengerollt auf ihrem Bett. Sie konnte sich kaum rühren. Irgendwann griff sie zu einem ihrer Bilder, entfernte es von der Wand, und stach sich mit der Reißzwecke in den Arm, bloß um zu fühlen, dass sie »noch da war«. In diesem Moment sei das die einzige Möglichkeit gewesen, die sie gesehen hatte, um nicht völlig den Verstand zu verlieren, sagte sie, um ein wenig Erleichterung zu verspüren. Sich selbst Schmerz zuzufügen verriet ihr, dass sie zumindest noch ein wenig Kontrolle besaß, noch fühlen konnte … noch lebte.

»Das war nun sein neuer Modus Operandi«, sagte Leila und lachte dabei sogar kurz auf – ich verschwieg ihr, dass mir das einen Schauder bereitete. »Er tat es weniger, dafür umso intensiver. Er fasste mich … nicht mehr mit Samtpfoten an, um es euphemistisch auszudrücken. Ich war nun nicht mehr das kleine, brave Mädchen, sondern das böse, rebellische kleine Mädchen, und jedes Mal trichterte er mir ein, dass es noch schlimmer werden würde, sollte ich auf die Idee kommen, noch einmal zu meiner Lehrerin zu gehen.« Nüchternheit lag in ihrer Stimme. »Weißt du noch, als du mir gesagt hast, wir würden alle Masken tragen? Er hatte seine jetzt endlich abgenommen.«

Und auf diese Weise setzte es sich fort – monatelang. Leila vermied es, in der Schule weiterhin Insekten zu suchen oder auffällige Bilder zu malen, versuchte unterm Radar zu bleiben, damit Miss Coggins kein weiteres Misstrauen mehr schöpfte. Ihr Vater holte sie immer noch sehr häufig ab, woraufhin sie in das Wäldchen fuhren, und manchmal kam er auch unangekündigt zu ihr ins Zimmer, worauf sie dann jedes Mal, sobald es vorbei war, die Reißzwecken verwendete. Während seiner Besuche hallten ihre Schreie durch das ganze Haus, aber nie kam ihre Mutter, um all dem ein Ende zu setzen. Wenn ihre anderen Familienmitglieder zu Besuch waren, wenn ihr Vater seine perfekte, frohe Maske aufgesetzt hatte und plaudernd mit seinen Brüdern am Grill stand, um sich über Sport und Gott und die Welt zu unterhalten, wenn ihre Mutter sich dazugesellte und ihre verstohlenen Blicke das einzige waren, womit sie Leilas Hilflosigkeit begegnete, während sie in all dem Lug und Schein stand, überlegte sie oft, es ihren Onkeln irgendwie zu sagen. Doch nie konnte sie sich dazu überwinden. Nie glaubte sie, dass man ihr glauben würde. Das Risiko war ihr zu groß, denn sie wollte nicht, dass ihr Vater ihr erneut einen Kissenbezug über den Kopf zog und die »Todesvignette« zurückkehrte. Davor fürchtete sie sich am meisten, davor, dass sie irgendwann die Reißzwecken nehmen und nichts mehr fühlen würde, nur noch Leere und Kälte und Dunkelheit. Diese blanke Angst erstickte jede ihrer Gegenmaßnahmen im Keim. Alle, bis auf ihre Flucht nach »Zuhause.«

»Ich ging immer häufiger raus in den Wald«, sagte sie. »Selbst im Winter oder wenn es stürmte; wenn ich krank wurde und nicht zur Schule konnte, hielt mein Vater sogar Abstand von mir, womöglich, weil er sich nicht anstecken wollte.« Sie quittierte diesen Grund nur mit einem bitteren Lachen. »Da draußen jedoch war ich allein und konnte sein, wer ich wollte. Dort draußen war ich meinerseits nicht gezwungen, Masken zu tragen oder … Angst zu empfinden.«

Erst als sie in die dritte Klasse kam, nahm es ab. Plötzlich besuchte ihr Vater sie weniger in ihrem Zimmer, und wenn er sie von der Schule abholte, fuhr er immer häufiger – und das sehr zu ihrer Überraschung – am Waldweg vorbei. Warum?, fragte sie sich. Ein Teil der Antwort mochte darin liegen, dass sie beim Einschlafen nun wieder häufiger das Stöhnen und Grunzen aus dem Schlafzimmer ihrer Eltern vernahm, und dass ihre Mutter morgens immer mal wieder mit einem Veilchen oder einer geschwollenen Lippe in der Küche stand. Leila sagte nichts dazu. Obwohl ein Teil von ihr sich dafür hasste, bereitete ihr der Anblick Genugtuung. Ein Teil von ihr war froh, dass es ihre Mutter traf. Ein Teil von ihr, so sagte sie, hätte die Lippen ihrer Mutter am liebsten wieder aufgeschlagen.

Ein paar Wochen nach ihrem achten Geburtstag geschah das, was einen ersten Baustein in ihrem Entschluss, aus diesem Abgrund emporzusteigen, bilden sollte: Ihre Mutter wurde schwanger. Leila erfuhr es nicht aus einem vertrauten, gar zärtlichen Gespräch, in dem man sie beiseite nahm und ihr die freudige Nachricht verkündete, sondern zufällig bei einem weiteren Schlagabtausch ihrer Eltern. Lauthals stritten sie sich darüber, was zu tun war. Ihre Mutter war dagegen, das Kind zu behalten. Ihr Vater war dafür. Leila wusste weder, ob das eine richtig war oder das andere. Sie wusste, dass der Entschluss ihrer Mutter grausam war, weil er ohne Zögern kam, aber sie wusste auch, dass der Entschluss ihres Vaters grausam war – denn sie meinte zu wissen, worin seine Motivation bestand. Sie meinte zu erahnen, was in den kruden Teilen seines Kopfes vorging. Erneut stahl sie sich in dieser Nacht hinaus, bettete sich nackt ins von Käfern und Mücken bevölkerte Grasmeer hinter dem Wald und dachte bis in die frühen Morgenstunden nach.

»Im Grunde stand mein Entschluss von Anfang an fest«, sagte sie, »ich musste mich nur dazu durchringen, es auch zu riskieren. Meine zukünftige kleine Schwester zu beschützen würde bedeuten, mich gegen meinen Vater zu stellen. Und mich gegen meinen Vater zu stellen bedeutete, sehr schwere Konsequenzen tragen zu müssen.«

Dieses Wagnis ging sie ein. Und als ihre Schwester neun Monate später auf die Welt kam – ein kleines, zartes Wesen mit dunkelbraunem Haar und grauen Augen, das auf den Namen Sophie hörte –, begann sich jene verzwickte, bis dahin er passive Rivalität zu ihrem Vater … in eine aktive zu wandeln, beginnend damit, dass Leila sich geradeheraus dafür aussprach, ihre kleine Schwester bei sich im Zimmer schlafen zu lassen. »Ich möchte sie gerne bei mir haben, wo sie sicher ist«, sagte Leila zu ihrer Mutter, worauf eine Schimpftriade über sie hereinbrach, die sie mit gleichgültiger Miene wegsteckte. In ihrer Mutter sah sie kein Hindernis. Und ob diese letztlich von sich aus handelte oder sich tatsächlich dem vorlauten Willen ihrer achtjährigen Tochter beugte, ließ Leila offen. Aber sehr bald durfte Sophie bei ihr im Zimmer schlafen. Das Geschrei machte ihr nichts aus, und nur selten kam ihr Vater, um sich um das Kind zu kümmern. Wenn er es tat, beobachtete Leila ihn stets, und obwohl er ihren Blick dabei manchmal erwiderte, sah sie nicht weg. Kein einziges Mal.

»Er wusste, was vor sich ging«, sagte sie. »Was ich tat. Und das ließ er nicht unbeantwortet.«

Seine Rache schien darin zu bestehen, sie nun besonders grobschlächtig zu behandeln. Sie ging nicht ins Detail, aber sie ließ durchsickern, dass sie immer häufiger mit blauen Flecken zur Schule ging, natürlich nur an Stellen, an denen man es nicht sah, und dass er nun auch auf Gürtel und Kleiderbügel zurückgriff. Es gab Tage, an denen sie kaum aufstehen konnte und zuhause bleiben musste, doch selbst an denen verschonte er sie nicht mehr und setzte ihr erst recht zu. Er zwang sie zu Dingen, nach denen sie sich hinterher im Bad einschloss, um sich zu erbrechen. Er zwang sie dazu, sich selbst zu geißeln. Er zwang sie dazu, sich vor seinen Augen selbst anzufassen und noch zu etlichen Dingen mehr, doch all das nahm sie in Kauf, all das ließ sie über sich ergehen, solange sie sicherstellen konnte, dass ihrer kleinen Schwester nicht dasselbe Schicksal widerfahren würde.

»Und er … hat es tatsächlich nie versucht?« Ich konnte nicht anders, als skeptisch zu sein. »Er hat sich tatsächlich dem Willen seiner achtjährigen Tochter gebeugt?«

»Damals redete ich mir das ein«, sagte Leila. »Mir war nicht klar, dass er meine Schwester vermutlich nur deshalb verschonte, weil sie … selbst für ihn noch zu jung war. Es dauerte ein paar Jahre, bis er seine ersten Versuche startete. Doch zu diesem Zeitpunkt«, fügte sie hinzu, »war ich ebenso älter.«

Dreizehn, um genau zu sein. Bis dahin hatte sich nichts am Modus Operandi ihres Vaters geändert, zumindest erwähnte sie davon nichts, und so musste ich davon ausgehen, dass jene gewalttätige Routine, die sich zwischen ihnen gebildet hatte, sich in diesen Jahren unverkennbar fortgesetzt hatte. Als Leila langsam in die Pubertät kam, wurde es, ihrem Wortlaut nach, sogar noch »um einiges exzessiver«. Auch dort ging sie nicht ins Detail. Aber mit der Entdeckung ihrer eigenen Sexualität, sagte sie, »verkomplizierte sich alles um das Tausendfache.« – denn in ihr regten sich Impulse, die sie nicht verstand, deren Ursprung sie nicht nachvollziehen konnte … oder wollte.

»Während der ersten Jahre, in denen Sophie bei mir im Zimmer schlief, hatte ich meine nächtlichen Ausflüge auf ein Minimum reduziert«, sagte Leila. »Ganz selten hatte ich einen Abstecher riskiert, und auch erst, nachdem sie schon ein bisschen älter war und nachts durchschlief. Nun wurde ich ein bisschen mutiger.«

Ganz offen erklärte sie mir, dass sie dort draußen das erste Mal masturbierte. Ich hörte die Verlegenheit in ihrer Stimme und rechnete ihr hoch an, dass sie es trotzdem über die Lippen brachte, und sie wollte es über die Lippen bringen, weil sie rückblickend glaubte, dass der Ort von entscheidender Bedeutung war. Es erregte sie, sich dort draußen in der Natur zu entkleiden und sich ins taufeuchte Gras oder ins schlammige Wasser zu legen, manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Sie mochte es, wenn die Tierchen währenddessen über ihre Haut krabbelten oder die Nachtluft ihr eine Gänsehaut bescherte, mochte es auf eine Art, die über bloßes Wohlbefinden hinausging. Und nicht nur dort auf der Wiese überkam sie diese Reaktion: Wenn sie nachts in ihrem Bett blieb, wartete sie manchmal, bis ihre Schwester eingeschlafen war, und nahm dann eine der Reißzwecken zur Hand, die sie inzwischen in ihrem Nachttisch aufbewahrte (Bilder hatte sie keine mehr an den Wänden), und stach sich damit. Es bereitete ihr Lust. Der Schmerz gefiel ihr, das wilde Rauschen in ihrem Kopf, wenn sie die Reißzwecke immer tiefer bohrte und Blut aus der Wunde quoll und sie am Rande des Erträglichen schwankte, zwischen Tränen der Erfüllung und Tränen der Qual. Häufig stellte sie sich dabei zusätzlich vor, dass ihr Vater zusah. Zusehen musste, weil sie auf anderem Wege unerreichbar für ihn war. Dieses Machtgefühl, diese eine Fantasie, berauschte sie am allermeisten.

»Zu dieser Zeit war ich bereits auf der Mittelschule«, sagte sie, »und da ließ ich mich auch auf die ersten Intermezzos mit Jungen ein. Intermezzos deshalb, weil es nur kurze, kleine, geheime Abenteuer waren, tollpatschige, ungeschickte Austausche von Zärtlichkeiten. Zu mehr konnte ich mich nie durchringen. Und ich war mir auch nicht sicher, weshalb ich es tat.«

Eines Tages kam sie nach Hause – es war schon Monate her, seit ihr Vater sie das letzte Mal von der Schule abgeholt hatte – und hörte ein Poltern, gerade als sie die Treppe erklomm. Ihre Schwester, zu jenem Zeitpunkt fünf Jahre alt, war an jenem Tag wegen einer Grippe zuhause geblieben, und sofort ahnte Leila das schlimmste. Sie spurtete die restlichen Stufen hinauf und stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf. Ihre Schwester war da. Sie hatte sich auf dem Bett zusammengekauert und die Decke an ihr Kinn gezogen. Ihr Vater war ebenso da. Er hatte Sophie offenbar gerade ein Bilderbuch aus den Händen gerissen und bereits ein Knie auf ihre Matratze gestützt, die Finger am Kragen seines Hemdes. Als Leila hereinplatzte, schreckte er tatsächlich auf und drehte sich zu ihr um. Sophie schniefte mit ihrer verstopften Nase.

Die damals dreizehnjährige Leila zeigte mit dem Finger aus dem Raum. »Mach, dass du verschwindest.«

In ihrer Stimme lag Gewicht. Ihr Vater rappelte sich vom Bett und baute sich mit einem Funkeln im Blick vor ihr auf. Sie kannte seine Maschen und wusste, dass es nur Drohgebärde war. Er trat auf sie zu, betont langsam, und beugte sich zu ihr hinab. Als sich seine Hand um ihr Kinn schloss und er sie gegen die Tür drückte, zuckt sie nicht mit der Wimper. Sie blickte ihn bloß weiter still an.

»Bereit dir schon mal eine Entschuldigung vor«, sagte er. »Morgen wirst du nicht in die Schule können.«

Am Abend machte er seine Drohung wahr. Leila ließ es über sich ergehen, und als es vorbei war, lag sie keuchend, mit schmerzverzerrtem Gesicht, in den verschwitzten Laken. Ihr Leiden geriet in den Hintergrund, als sie aus Sophies Bett ein Schluchzen vernahm. Leila stand auf und kämpfte sich durch den Raum zum Bett ihrer Schwester. Dass ihr ein warmes Blutrinnsal am Bein hinablief, interessierte sie in diesem Moment nicht. »Hey. Kleine …«

»Das macht er nur wegen mir«, weinte ihre Schwester mit verschnupfter Stimme und hustete. »Wegen mir tut er dir so schlimm weh …«

Leila legte sich zu ihr, strich ihr durchs Haar und flüsterte ihr gut zu, bis sie eingeschlafen war. Es war die erste Begegnung dieser Art gewesen, aber nicht die letzte. Bereits in jenem Moment wusste Leila, dass sie – und damit meinte sie sowohl sich selbst, ihre Schwester, als auch ihren Vater – irgendwann aneinandergeraten würden, dass ein finaler Zug unausweichlich bevorstand. Das hier war kein Spiel, das sie ewig spielen würden, sondern eines mit Ausgang, mit einer Gewinner- und Verliererseite. Eine tiefe Angst breitete sich in Leila aus, als ihr diese Gewissheit kam, und sie kuschelte sich noch enger an ihre Schwester.

»In gewisser Weise benutzte er Sophie schon ab diesem Zeitpunkt«, sagte Leila. »Ihr Verhältnis zu ihm war besser, ein wenig vertrauensvoller, weil er seine Maskerade vor ihr meistens aufrechthielt. Manchmal las er ihr einfach etwas vor, wenn ich ins Zimmer kam. Oder er nahm sie mit in die Stadt, um einzukaufen. Selten machte er solche direkten Versuche wie den vorangegangen, doch wenn, wagte er sich über ein gewisses Herantasten nicht hinaus. Ich glaube, es bereitete ihm einfach Vergnügen – oder auch Genugtuung – meine Angst um Sophie zu schüren. Das eigentliche Ziel blieb immer noch ich.«

Jeder dieser Zwischenfälle, und seien es nur lange Blicke, die ihr Vater Sophie zuwarf, stocherten das Geschehen an. Für Leila war es die Hölle. Zum Teil war es noch schlimmer als seine nächtlichen Besuche selbst. Die Ungewissheit, was er während ihrer Abwesenheit alles tun könnte, raubte ihr den Schlaf. Als sie auf die Highschool kam, wurde es besonders schlimm, denn zu dieser Zeit kam sie noch später nach Hause, während ihr Vater Sophie sehr häufig von der Grundschule abholte – so, wie er es damals bei ihr getan hatte. Jeden Tag fragte sie ihre kleine Schwester aus, ob etwas vorgefallen war, oftmals bis diese gereizt war, doch es scherrte Leila nicht. Ihr Vater, der ihre Verunsicherung förmlich zu riechen schien, begegnete ihr sehr häufig mit einem triumphierenden Lächeln.

Ihre Highschool-Zeit selbst bezeichnete Leila als turbulent. Sie fand nicht wirklich Freunde – in erster Linie deshalb, weil sie niemanden an sich heranließ –, doch gleichermaßen verlor sie sich in diesem, wie sie es nannte, »Cocktail aus Hormonen«, dass sie fürchtete, bald darin zu ertrinken. Da ich nicht genau wusste, was sie damit meinte, bohrte ich nach, worauf sie ein wenig direkter wurde.

»Ich rede von Jungs, Steven.«

Sie wusste, dass ihr Verhältnis zum anderen Geschlecht nicht gesund war. Sie äußerte den Verdacht, dass sie vielleicht aus einer Art Fluchtimpuls handelte. Oder um Dampf abzulassen. Vielleicht wollte sie sich zu jener Zeit auch einfach nicht eingestehen, wie hilflos und allein sie sich fühlte – all das redete sie sich ein, um nicht der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen, die dort ganz tief in ihr drinnen, an einem entlegenen, finsteren Ort, schlummerte. Sie ekelte sich vor Jungen, sagte sie, doch gleichermaßen ließ sie sich auf Techtelmechtel mit ihnen ein, solange sie den ersten Schritt tätigte. Wenn im Gegenzug Jungen auf sie zukamen, suchte sie nach Ausflüchten oder verstieß sie, was ihr manchmal zwar Gewissenbisse bereitete, ihr darüber hinaus aber egal war. Sobald ihr eine Gruppe Jungen entgegenkam und ihr hinterherpfiff, oder wenn ein Typ der dominanteren Sorte sie nur lange genug musterte, bekam sie häufig Schweißausbrüche, und in ihrem Kopf begann es regelrecht zu hämmern. Nicht selten fiel diese Reaktion so heftig aus, dass sie aufs Mädchenklo rannte und sich übergab. Im Gegenzug verführte sie Jungs nicht selten noch an Ort und Stelle und schwänzte den Unterricht, bloß um sich mit ihnen in einer abgelegenen Ecke zu treffen. Es gab Tage, an dem ihr eine einzelne Begegnung nicht genügte und sie hinterher noch einen zweiten Mitschüler aufgabelte, nur um sich dann nachmittags noch mit einem dritten zu treffen – ungeachtet dessen, dass Sophie währenddessen allein zuhause war.

Sie wusste, dass ihr Verhalten ausufernd, destruktiv und alles andere als normal war, doch ein Teil von ihr konnte sich dagegen nicht wehren. Sehr schnell baute sie sich einen unglücklichen Ruf an der Schule auf, der Mobbing und Ausgrenzung nach sich zog – das war wieder so ein Thema, das sie nur beiläufig, so als sei es kaum der Rede wert, anschnitt. Bald schon war sie die »Schulschlampe Leila«, das »kleine Flittchen« und die »notgeile Nutte«, um die jeder einen Bogen machte. Mädchen lachten über sie und Jungen verstießen sie, wobei letzteres für sie nur in einer Hinsicht von Vorteil war: Auf diese Weise selektierten sich die beliebten und selbstbewussten Schüler, die sich um ihren Ruf scherrten, eigenständig aus. Ihr blieben die unsicheren, unbeliebten Jungen, welche von der Sorte, die sie unter ihre Fittiche stellen konnte und keine Bedrohung für sie darstellten. Auf dieses Verhalten war sie nicht stolz, betonte sie, doch kümmerte es sie zu jener Zeit nicht. Weniger ekelte sie sich vor ihrem eigenen Spiegelbild, als dass sie es vielmehr fürchtete. Und den Grund dazu nannte sie mir ebenso:

»Manchmal, wenn ich mit einem Jungen zusammen war und wir … also, bei der Sache waren …« Ein Zögern. »Es kam immer aus dem Nichts, aber manchmal flehte ich darum, dass er mich schlug. Ich wollte, dass er mir ins Gesicht boxte, so wie mein Vater es bei meiner Mutter tat. Die meisten suchten das Weite, sobald ich danach drängte, bezichtigten mich, völlig krank und pervers zu sein. Aber weißt du, Steven … manche taten es. Manche schlugen zu, und dann weinte ich. Taten sie es nicht, weinte ich hinterher. Ich bettelte und bettelte darum und nannte sie dabei sogar Daddy. Daddy, verfickte Scheiße. Irgendetwas war nicht richtig mit mir«, fügte sie mit plötzlichem Schluchzen hinzu, »aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.«

Es folgte ihre längste Pause, in der sie leise vor sich hin weinte – ein letztes tiefes Durchatmen vor dem Ende, wie mir klar wurde. Die Dinge waren ausgelegt und steuerten auf einen einzelnen, unüberwindbaren Punkt zu. Alles lief zusammen. Dieser Sturm, der ihr Leben seit frühster Kindheit verwüstet und gezeichnet hatte, der sie über die Kante und in eine dunkle Tiefe geschleudert hatte, der sich immer mehr aufgeladen und zusammengebraut hatte – dieser Sturm stand kurz davor, sich zu entladen.

Und eines Tages war es soweit.

Es war eine warme Sommernacht, und Leila, zu jenem Zeitpunkt sechzehn Jahre alt, meinte sich daran zu erinnern, dass sie das Knarzen der Zimmertür gegen zwei oder drei Uhr vernahm. In ihrer Schlafbenommenheit registrierte sie es zunächst jedoch kaum und drehte sich auf die andere Seite – mit dem Rücken zu ihrer Schwester, die im Bett gegenüber schlief. Die Zimmertür schloss sich wieder, und leise Schritte erklangen. Sie näherten sich ihrem Bett, und das Gefühl von kratzigem Stoff, der ihren rechten Arm hinauffuhr, ließ sie träge aus dem Schlaf emporschwappen. Es war, als würde eine borstige Zahnbürste über ihre Haut fahren. Stöhnend kniff sie die Augen zusammen und blickte ins Antlitz ihres Vaters.

Er stand mit einem Strick an ihrem Bett.

Ihre Müdigkeit zerfiel sofort, und im Bruchteil einer Sekunde setzte sie sich auf. Mit rasendem Herzschlag starrte sie ihn an. »Raus«, sagte sie, ihre Stimme gepresst.

»Leg dich wieder hin, Leila.«

Er packte ihre Hand und drückte sie an den Bettpfosten. Leila riss sich los und kroch auf die andere Betthälfte zu, wollte die Matratze zwischen sich und ihren Vater bringen. Er packte sie am Bein und zerrte sie wieder zurück. Instinktiv trat sie nach ihm, ein blindes Stochern in die Dunkelheit, und sie traf ihn an der Schulter, dann noch einmal an der Brust. Doch es schien ihm nicht auszumachen. Mit einem kräftigen Ruck zerrte er sie näher an sich heran, bis ihre Füße auf dem Boden landeten und er sich zwischen ihre Beine drängte. Sie wollte sich vorbeugen und ihn kratzen, ihn beißen. Doch das nächste, was sie spürte, und sie in ihren Bewegungen innehalten ließ, war ein kühles, spitzes, scharfkantiges Gefühl an ihrer Wange. Ein heißes Rauschen breitete sich in ihrem Kopf aus, während ihre Glieder von einer seltsamen Kälte übermannt wurden.

»Leg dich wieder hin«, wiederholte ihr Vater. »Ich fessle dich nur an den Händen. Ich will nur, dass du zusiehst.«

Leila überkam der Gedanke, dass sie träumte. Etwas unwirkliches schwang in den Dingen mit, die gerade geschahen, eine Endgültigkeit, die ihr Furcht bereitete. Auf einmal hatte sie wieder die stickige Hitze des Kissenbezuges vor Augen, das Flackern in der Dunkelheit, den Geschmack von Fuseln auf der Zunge und die »Todesvignette«. Ein einziges lächerliches Messer war in der Lage, sie zu lähmen, dachte sie, ein einziges lächerliches Messer brachte die Aussicht auf den eigenen Tod so plötzlich so viel näher, und ein einziges lächerliches Messer brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht und verhinderte, dass sie handeln konnte. Als ihr Vater ihre Hand erneut nahm, an den Bettpfosten drückte und den Strick drumherum band, bildete sich kalter Schweiß auf ihrer Stirn, und eine Stimme aus dem Hinterkopf warf ihr vor, unglaublich feige und schwach zu sein.

Doch dann kam eine zweite Stimme aus der Dunkelheit, von der anderen Seite des Zimmers: »Lass sie in Ruhe, Dad.«

Leilas Vater verharrte und wandte sich um. Sophie war aufgestanden und stand vor ihrem Bett. Nur wenig Mondlicht fiel ins Zimmer, doch es genügte, dass Leila den festen, aufrechten Stand ihrer kleinen Schwester erkennen konnte.

»Es war nur ein hauchkurzer Moment«, sagte sie. »Ein ganz kleiner Augenblick, in dem mir plötzlich klar wurde, dass wir das Ende dieses Spiels erreicht hatten. Es würde bis hierhin gehen und nicht weiter. Irgendetwas an der Art, wie Sophie dort stand, verriet es mir. Und ich musste mich entscheiden. Jetzt oder nie.«

Und Leila riskierte es. Sie warf sich vor, schlug ihrem Vater das Messer aus der Hand, trat ihm mit aller Kraft zwischen die Beine. Er grölte auf und sackte zusammen. Sie sprang ihm auf den Rücken und trommelte wild mit den Fäusten auf ihn ein. Sophie hechtete nach dem Messer. Blindlings tastete Leilas Vater nach ihren Haaren, bekam sie am Schopf zu fassen und riss sie mit aller Gewalt von sich herunter. Sie krachte auf den Boden und stöhnte auf. Sein Handrücken klatschte auf ihre Wange und beförderte ihr Gesicht auf die Seite, dass ein Knacken durch ihren Unterkiefer fuhr. Dann spürte sie sein Gewicht auf sich, sein altvertrautes, ihr in keiner Form fremdes Gewicht, und eine Hand legte sich um ihre Kehle. Als ihr klar wurde, was er im Begriff war zu tun, überschatteten Adrenalin und Panik ihre Gedanken. Es war, als wäre sie nicht mehr in ihrem eigenen Körper.

»Stich zu!« Es waren verzweifelte, erstickte Rufe. »Sophie, stich zu! Stich zu!«

Sophie tat es nicht. Sie konnte es nicht. Doch sie schnappte sich ihre Bettdecke und warf sie ihrem Vater über den Kopf. Offenbar erwartete er, dass sie etwas hinterherwerfen würde – und das wollte sie tatsächlich, sie eilte zu ihrem Rucksack mit den Schulbüchern –, denn sofort hob er die Hände und streckte sie in blinder Verteidigung aus. Leilas Faust landete auf seiner Kehle. Er würgte und stieß ein krächzendes Geräusch aus. Sie hagelte weitere Faustschläge hinterher. Sophie bewarf ihn mit Schulbüchern. Als er sich die Bettdecke über den Kopf ziehen wollte, bekam Leila sie an den Ecken zu fassen und riss den fransigen Stoff herum, sodass ihr Vater mitgeschleudert wurde. Mit der Schläfe knallte er ans Bettgestell.

Im ersten Moment glaubte Leila, dass er ohnmächtig wäre, und sie krabbelte unter ihm hervor und eilte zu ihrer Schwester. Ihr Vater lag zusammengerollt da und stöhnte benommen. Obwohl sie nicht lange zögerten, kam es Leila rückblickend wie eine Ewigkeit vor.

»Ich traute mich nicht.« Es schwang so viel Verbitterung in ihrer Stimme mit, dass diese tiefer klang. »Immer wieder habe ich in den vergangenen Jahren an diesen Moment zurückgedacht, immer wieder hatte ich vor Augen, wie er dort lag und wir dort standen. Wir hätten es dort beenden können. Aber ich hatte Angst, mich auch nur einen Meter zu nähern. Ich rechnete damit, dass er uns etwas vormachte und mich packen würde. Heute wünschte ich, ich hätte es getan. Ich wünschte, ich hätte Sophie dieses verfluchte Messer abgenommen und auf ihn eingestochen. Ich meine das, wie ich es sage, Steven. Heute wünschte ich, ich hätte ihn dort an Ort und Stelle umgebracht.«

Leila drängte Sophie herum und öffnete die Tür. Sie rannten durch das dunkle Haus nach unten. Sie traute sich nicht zu, mit dem Auto zu fahren, weil sie noch keinen Führerschein hatte und nicht einmal wusste, wo die Schlüssel lagen, und sie besaßen keine Handys, sodass sie darauf angewiesen wären, das Telefon in der Küche zu benutzen. Doch Leila wollte keine Sekunde mehr länger als nötig im Haus verbringen, auf die Polizei warten erst recht nicht. Sie trug T-Shirt und Boxershorts und Sophie lediglich ein Nachthemd, und mit nicht mehr als dem am Leib eilten sie durch die Hintertür nach draußen. Es geschah ganz intuitiv und ohne bewusstes Denken. Leila nahm Sophie bei der Hand und rannte mit ihr in den Wald. Sophie weinte – jetzt erst sickerten Tränen durch die Mauer aus Schock und Unverständnis –, und Leila wollte es ebenso tun. Doch sie zwang sich zur Beherrschung. Dieser seltsame Gedanke, ihre Schwester heil dort raus zu bringen, jenes Mantra, das sie sich damals bei Sophies Geburt geschworen hatte, übernahm von ihr Besitz und ermöglichte es ihr, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie mussten weg. Bloß weg, weg, weg.

Die nächsten zwei Sätze brachte sie mit jener nüchternen Präzision hervor, mit der sie mir auch von der »Todesvignette« erzählt hatte.

»Er folgte uns. Er hatte uns gesehen, wie wir in den Wald gelaufen waren, und er folgte uns. Auf einmal waren wir das Wild und er der Jäger.«

Sie wusste sich in diesem Waldabschnitt zurechtzufinden, vor allem bei Dunkelheit, und deshalb gelang ihnen ein kleiner Vorsprung, ehe sich der Wald lichtete und sie die von Schilfrohr und hohem Gras gesäumte Wiese erreichten, die Leila all die Jahre als »Zuhause« gedient hatte. Stellenweise war der Boden unter ihren Füßen so weich und schwammig wie in einem Moor, und hier und da plätscherten sie durch flache Wasserpfützen oder gerieten in ein Gestrüpp aus Dornen. Leila schnappte sich Sophie und hob sie darüber hinweg. »Weiter, Mäuschen. Nicht stehenbleiben.«

Als sie sich umdrehte, sah sie die Gestalt ihres Vaters am Waldesrand stehen. Er war etwa hundert Meter entfernt, doch er entdeckte sie ebenso. Wie ein hechtendes Raubtier in der Savanne, verschwand er zwischen den Gräsern und eilte in ihre Richtung.

»Komm, Leila.« Sophie zerrte an ihrer Hand. »Komm doch.«

Leila hatte das Bild vor Augen, dass sie in Miss Coggins Kunststunde gemalt hatte, hatte ihren Traum vor Augen, in dem sie jenes Monster am Waldesrand stehen sah und welches sie damals gedrängt hatte, ins Schlafzimmer ihrer Eltern zu flüchten. Sie hatte dieses Bild vor Augen und sah zugleich, wie sich das Schilfrohr in einiger Entfernung immer hektischer bewegte und sich die Distanz immer mehr verringerte, und sie wusste nicht genau, woher ihr nächster Entschluss kam. Sie wusste nur, dass er richtig war.

»Leila –«

»Lauf weiter, ja? Lauf immer geradeaus, bis du die ersten Lichter siehst. Klingel und ruf die Polizei. Man wird dir helfen, Sophie. Okay?« Beim letzten Wort versagte ihr die Stimme und ihr rannen Tränen über die Wangen, und sie betete darum, dass ihre kleine Schwester es nicht sah.

Sophie schluchzte. »Aber Leila –«

»Lauf.« Das Rascheln von Gras näherte sich, wurde lauter. Doch ihre Stimme blieb ganz ruhig. »Lauf jetzt.«

Sie stieß Sophie voran und ließ dieser keine Wahl mehr. Sophie schniefte und setzte sich in Bewegung. Ihre kleinen Füße trugen sie durch das Gras und fort in den nächsten Waldabschnitt. Leila drehte sich um und vernahm erneut – und das nicht einmal zu ihrer Überraschung – jenes innige Gefühl der Ruhe. Jenen inneren Frieden, den sie auch bei ihrem ersten Besuch an diesem Ort verspürt hatte.

»Mein Vater tauchte aus den Gräsern auf und kam mit wütender Fratze auf mich zu«, sagte sie. »Ich glaube, ich wehrte mich nicht einmal, als er mich zu Boden schleuderte und mir immer und immer wieder die Faust ins Gesicht schlug. Ich dachte nur daran, wie er genau dasselbe auch bei meiner Mutter getan hatte. Er schlug und schlug und setzte sich auf mich, drückte mich mit so viel Gewalt auf den Boden, dass ich mit der linken Körperhälfte in eine schlammige Pfütze sank. Ich war in diesem Moment eigentlich nur verwundert, wie ruhig ich blieb.«

Er drehte ihr Gesicht auf die Seite, sodass sie mit Nase und Mund im Schlamm versank. Sie bekam keine Luft mehr. Zwischen ihren Zähnen knirschte Sand. Er riss ihr die Boxershorts bis über die Knie und strampelte sich aus seiner eigenen Hose. Der Schlamm um ihre Hüften schmatzte. Sie krallte ihre Finger ums nahe Gras und versuchte Halt zu gewinnen. Alles wurde taub und verschwamm vor ihren Augen; gluckernde Laute überlagerten heißen Schmerz und keuchendes Atmen. Weitere Faustschläge trafen sie und ließen sie erschlaffen. Sie würde sterben. In diesem Moment war das eine Gewissheit, die ihr so glasklar vor Augen lag, wie der Mond oben am Himmel stand. Sie würde sterben. Aber zumindest würde sie es zuhause tun.

»Ich muss dir gestehen«, sagte sie und zögerte einen Augenblick, »ich muss dir gestehen, Steven, dass diese Vorstellung in genau diesem Moment … tröstend war. Wenn man keine Kontrolle mehr hat, nichts mehr zu verlieren hat … dann kann man das Leben wunderbar belächeln.«

Und sie lächelte tatsächlich, als sie dort unter ihrem Vater lag. Zumindest glaubte sie, dass sie es getan hatte, denn er packte sie am Haar, riss ihren Kopf empor und schmetterte ihn wieder nach unten. Mit der anderen Hand stopfte er ihr Schlamm und Blätter in den Mund. Leila glaubte, dass er diesen Ausdruck aus ihrem Gesicht wischen wollte, das Lächeln und die Überlegenheit darin. Er hatte sie besiegt, und trotzdem würde er verlieren. Er stopfte so viel Schlamm in ihrem Mund, dass sie würgte und sich verschluckte. Sie schmeckte Insekten auf ihrer Zunge, und offenbar glaubte er, dass ihr das Panik bereitete. Er fischte nach besonders großen Tieren, um sie ihr in den Rachen zu quetschen.

»Genau das war sein Fehler«, sagte sie.

Er hatte den Schlamm um sie herum so tief aufgewühlt, dass Leila aus dem Augenwinkel einen freigelegten Stein erblickte. Sie glaubte nicht einmal, dass es ihr gelingen würde, das Ding zu packen. Als sie es tat, glitschte er ihr fast aus der Hand, und als sie blindlings ausholte, glaubte sie, dass ihre Kraft nicht ausreichen oder sie daneben zielen würde. Als sie ihren Vater dann am Kopf traf – genau an der Stelle, mit er auch ans Bettgestell geknallt war –, war sie überzeugt, dass es nichts bringen würde. Ihr Vater schrie auf und kippte zur Seite, und einen Moment lang lag sie nur weiter da und japste nach Luft und hatte es nicht einmal vollständig registriert.

Du musst jetzt aufstehen, echote ihr eine Stimme durch den Kopf. Es ist jetzt sehr wichtig, dass du aufstehst und verschwindest, Leila.

Sie war benommen, gezeichnet von Adrenalin und Schock und Todesangst, doch sie kam auf die Beine, und sie verschwand zwischen den Gräsern, taumelte gedankenlos in die Richtung, in die sie – vor zehn Minuten? Vor einer Stunde? – ihre kleine Schwester geschickt hatte. Als sie sich irgendwann zwischen ein paar Baumstämmen wiederfand, ihre Beine aufgeschürft von Dornen und Brennnesseln, hielt sie sich fest und übergab sich. Dunkelheit lag vor ihrem Sehfeld, doch nicht allein der Nacht wegen. Sie kämpfte sich weiter, mit dem Gedanken im Hinterkopf, das Licht zu suchen.

»Es gelang mir«, sagte sie. »Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, aber irgendwann erreichte ich die nächste Straße, an der vereinzelt Häuser standen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Sophie bereits bei einer anderen Familie Unterkunft gefunden. Die Polizei war informiert. Ich kann dir nicht mehr genau sagen, ob ich jemanden fand oder irgendjemand mich, ob ich irgendwo klingelte oder ein Auto vorbeikam und ein halbnacktes, schlammbesudeltes Mädchen über die Straße taumeln sah … aber das ist auch nicht mehr wichtig, glaube ich. Es war vorbei, und nur das war von Bedeutung. Es war vorbei.«

Die Wochen und Monate danach beschrieb Leila als hektisches, turbulentes Durcheinander. Vorerst wurden sie und ihre kleine Schwester in die Obhut des Jugendamtes übergeben, gerichtliche Verfahren wurden eingeleitet und ihre Aussagen von der Polizei aufgenommen. Das Ganze verlief jedoch nicht so einseitig und klar, wie Leila und Sophie es sich erhofften. Die Skepsis der Behörden mutierte zu ihrem schlimmsten neuen Feind, denn man wusste um Leilas eher zweifelhaften Ruf – und auch um ihr zweifelhaftes Bemühen – an der Schule. Sie stand in keinem guten Licht da, und ihr Vater behauptete natürlich, dass sie sich all diese Dinge, die sie und Sophie über ihn erzählten, nur zurechtspann, um ihn schlecht dastehen zu lassen. Sie hasse ihn, weil er sie wegen ihres verdorbenen Verhaltens maßregeln würde, hasste ihn angeblich so sehr, dass sie auch den Kopf ihrer kleinen Schwester mit Lügen und verdrehten Tatsachen vergiftete, um glaubhafter zu erscheinen. Leilas Onkel unterstützten ihn in seinen Behauptungen – genauso wie ihre Mutter.

»Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich sie ebenso hasste«, sagte Leila. »Als sie meinem Vater jedoch den Rücken deckte, wusste ich es.«

Die Kluft in ihrer Familie war aufgetan und würde sich nicht mehr schließen. Beide Seiten wussten das. Wer letztlich den Vorschlag erbrachte, dass sie und Sophie zu ihrer Großmutter ziehen sollten, konnte Leila mir nicht sagen. Ein Teil von ihr wollte glauben, dass es ihre Mutter war, dass ihre Mutter aus einem letzten Akt der Güte und Vernunft handelte und endlich Distanz – und somit Frieden – zwischen ihren Töchtern und ihrem Ehemann bringen wollte. Vielleicht war es aber auch ihre Großmutter selbst, und ihre Mutter hielt sich aus all dem raus … so wie sie es schon all die Jahre zuvorgetan hatte.

»Der Kontakt wurde vollständig abgebrochen«, sagte Leila. »Meine Großmutter ernannte man zur alleinigen Erziehungsberechtigten von mir und Sophie, und binnen kürzester Zeit verfrachtete man uns zu ihr nach Indiana. Seit fünf Jahren leben wir jetzt hier … und seit fünf Jahren denke ich nicht mehr an mein altes Leben zurück.«

»Bist du glücklich?« Es fiel mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Die richtigen Fragen zu stellen.

»Sehr lange war ich mir da nicht sicher«, sagte sie. »Aber seit ein paar Wochen … weiß ich es.«

Noch eine Pause. Aber diesmal zögerte sie aus anderen Gründen als den bisherigen.

»Seitdem ich dich kenne, Steven«, sagte sie, »bin ich mir mehr als sicher.«

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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