Helmut Wurm

Sokrates und “man macht, man denkt, man glaubt...“

Zu Sokrates kommt ein langjähriger, aber noch relativ junger Freund, den Sokrates wegen seiner kritischen Überlegungen schätzt. Dieser Freund wirkt bedrückt und auf die Frage des Sokrates begründet er seine derzeitigen inneren Probleme.

Der kritische Freund: Lieber Sokrates, ich bin heute nachdenklich durch die Stadt und in unser Museum gegangen und überall ist mir aufgefallen, dass die meisten Menschen gemäß ihren jeweiligen Kulturphasen doch sehr gleichförmig handeln, denken, sich kleiden, Kunst gestalten… Die einzelnen Migranten-Gruppen haben je nach ihrer Herkunft unterschiedliche Verhaltensweisen, die Deutschen wiederum haben ihre moderne andere Lebenskultur… In der Geschichte kann man in Kultur, Kunst, Religion, Mode… unterschiedlichste Richtungen und Traditionen unterscheiden, nach denen die Menschen lebten, sich orientierten und geprägt wurden. Die Menschen sind in der Mehrzahl offensichtlich prägbar oder haben ein Bedürfnis, sich aktuellen Ideen-Strömungen, sich dem Denken ihrer Zeit anzuschließen. Die ganze Geschichte ist eine Abfolge von Strömungen, Stilen und Traditionen… Woher kommt diese Unfreiheit und Prägbarkeit der Menschen?

Sokrates: Das ist eine sehr wichtige, eine zentrale Frage zur Geschichte… Mich hat immer beschäftigt, wie man die Menschen aus dieser Prägbarkeit lösen kann, wie man sie zu wirklicher innerer Freiheit führen kann… Im Grunde handelt es sich also um 2 zentrale Fragen. Für die Frage 1 solltest Du mit einem mir bekannten und allgemein anerkannten Wissenschaftler reden. Er ist Anthropologe, Humanbiologe, Soziologe, Psychologe… also ein breit orientierter Wissenschaftler, der sich mit dem Menschen beschäftigt. Ich werde mit Dir einmal zu ihm gehen.

Sokrates besucht mit dem Freund den erwähnten Wissenschaftler. Er ist wirklich ein breit am Menschen interessierter Mann. Er gibt keine eindeutigen Erklärungen, aber wichtige Hinweise.

Der Wissenschaftler: Das ganze hat wohl evolutionäre Gründe. Der Mensch musste sich in seiner Entwicklungsgeschichte von den angeborenen Instinkten lösen und nach anderen Vorgaben sein Leben hin orientieren. Das wurden die geistigen Ideengebäude, die für das Handeln der Menschen Orientierungen wurden. Sie wurden gleichzeitig auch verbindende soziologische Bänder. Diese Ideengebäude konnte zwar jeder für sich alleine und jede Großfamilie für ihren Umkreis konstruieren, aber die beeindruckenderen Ideenvorgaben herausragender Persönlichkeiten waren überzeugender und anziehender als die Konstrukte Einzelner und kleiner Gruppen. Und je größer der Kreis der Menschen wurde, die sich einem solchen beeindruckenden Ideengebäude anschlossen, desto geborgener fühlte sich der Einzelne darin. So entstand allmählich in den meisten Menschen das Bedürfnis, sich Ideengebäuden anzuschließen und sein Leben so zu gestalten, wie es diese Ideengebäude empfahlen bzw. forderten. Man überlegte nicht mehr in jeder Situation, sondern orientierte sich danach, was „man tun sollte“. Das war leichter als ständig neues eigenes Überlegen und Entscheiden. Und daraus wurde dann das wenig reflektierte alltägliche „man macht, man denkt, man glaubt…“. Und wenn solche Ideengebäude religiösen Charakter hatten, konnten sie durch die Erziehung und planmäßige Weitergabe innerhalb der Generationen zu langlebigen Traditionen werden.

Das Ganze ähnelt einem Computerprogramm, das auf einen PC aufgespielt wird. Wenn es installiert ist, d.h. wenn es in die Köpfe eingedrungen ist, dann läuft die Funktion des PCs, d.h. dann laufen das Leben und die Entscheidungen des jeweiligen Menschen immer nach diesem Programm. Es scheint so zu sein, dass wenn ideelle und praktische Einflüsse für 15 bis 20 Jahre gleichförmig auf die Menschen einwirken, dass dann diese Einflüsse zu festen, nicht mehr reflektierten Einstellungen innerhalb des menschlichen Denkens werden. Die Werbung und Politik hat das längst erkannt und beginnt, sich ihre Käufer und Wähler selbst langfristig zu formen.

Der kritische Freund: Das klingt plausibel. Aber weshalb gab es innerhalb der Zeitenfolge immer wieder Wechsel in den verbreiteten Ideengebäuden? Die Geschichte wimmelt von solchen Ideengebäude, die sich aneinander reihten oder sich alternierend ablösten.

Der Wissenschaftler: Nur eine Minderheit von Menschen in der Geschichte blieb wirklich frei, selbstständig denkend. Meistens hatten es diese Eigenständigen, Andersdenkenden, Außenseiter schwer innerhalb einer uniform denkenden und handelnden Menschenmasse.

Aber die jeweilig herrschenden Ideengebäude konnten allmählich an Überzeugungskraft verlieren, sich abschleifen oder immer mehr von der Wirklichkeit abweichen. Dann wurden in dieser Minderheit der Andersdenkenden neue Ideengebäude entwickelt, die dann andere ablösten.

Der kritische Freund: Aber was hat das damit zu tun, dass man sich nach der jeweiligen Mode kleidet, bestimmte Baustile bevorzugt, bestimmte soziologische Verhaltensformen hat?

Der Wissenschaftler: Dieses „man macht, man denkt, man glaubt“, diese Orientierung nach fremden Ideenmustern war ursprünglich ein Vorteil innerhalb der Evolution Es wurde dann von der Masse unreflektiert und bequem auf alles ausgeweitet, was im Leben vorkam, eben auch auf Kleidung, Baustile, wissenschaftliche Denkweisen… Die meisten Menschen treffen Entscheidungen und Grundplanungen für ihr Leben nach dem "Anhalterprinzip", d.h. sie lassen sich von fremden Vorgaben, Ideen und ideologien mitnehmen.

Aber je mehr dieses "Sich-fremd-orientieren-Denken" auf Randgebiete der Ideengebäude ausgeweitet wurde/wird, desto kurzlebiger war/ist die Dauer deren Trendzeiten, daher der oft rasche Stilwechsel z.B. in der Mode… Das sind jedenfalls meine Beobachtungen und Überlegungen…

Damit endet das vorsichtige, mehr aus Vermutungen, Andeutungen und Überlegungen als aus allgemeingültigen Behauptungen bestehende Gespräch mit dem Wissenschaftler. Auf dem Rückweg ist der kritische Freund noch nachdenklicher. Er bemerkt zu Sokrates:

Der kritische Freund: Wenn ich jetzt durch die Straßen gehe, dann sehe ich überall die Unfreiheit, das Sich-Anpassen, das Geformtsein, die Manipulation, das „man macht, man denkt, man glaubt…“. Ich verliere den Respekt vor meinen Mitmenschen und meiner Zeit… Ich soll mich nach dem Outlook-Trend kleiden, grau-weiße Küchen kaufen, in den Ferien ins südliche Ausland fahren, auf meinem Handy dauern herumklimpern, immer größere Autos fahren… Aber ich will das alles in dieser Einseitigkeit nicht, ich möchte weiterhin kritisch reflektieren und nach eigenen Entscheidungen handeln… Werde ich jetzt zum Außenseiter, der es schwer in einer so uniformen Gesellschaft hat? Was kann ich tun?

Sokrates: Jetzt kommt meine Antwort Nr. 2 auf dieses Problem. Du kannst das Ganze auch von einer anderen Perspektive her sehen und danach handeln. Du kannst stolz sein, nicht zur Masse der „man macht, man denkt, man glaubt…“ zu gehören, sondern zu den wirklich freien, selbstständigen, nicht-manipulierten Menschen. Natürlich wirst du als selbstständig Denkender es teilweise schwer habe – ich hatte es auch in Athen. Aber die Menschen brauchen dich und das Vorbild deiner Freiheit, so wie sie mich brauchten… Wir brauchen nicht mehr die Geborgenheit in der Anpassung, unser Evolutionsstand benötigt jetzt den frei denkenden Menschen. Sei einer von diesen - sei einer von uns… Lass uns darüber nachdenken!

 

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis, der bei diesem Besuch im Hintergrund mit dabei war und den Sokrates schon früher eingefangen hat)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.02.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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